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EXIT! Heft 14 erscheint im März 2017 – Inhalt und Editorial


EXIT! Krise und Kritik der Warengesellschaft

Heft 14, März 2017

Inhalt

Editorial

Irgendetwas geht immer noch! – Vom Traum ewigen kapitalistischen Lebens durch alle Krisen hindurch
Offener Brief an die InteressentInnen von EXIT! zum Jahreswechsel 2016/17

Leni Wissen
Die sozialpsychische Matrix des bürgerlichen Subjekts in der Krise.
Eine Lesart der Freud’schen Psychoanalyse aus wert-abspaltungskritischer Sicht

Einleitung

Finale Krise und deren Verdrängung

Postmoderne Krisenprozesse und die Entstehung eines narzisstischen Sozialtypus

Wert-Abspaltungs-Kritik und Psychoanalyse

Die Freud’sche Libidotheorie aus wert-abspaltungs-kritischer Sicht

Geschlechterdifferente Verläufe der psychosozialen Entwicklung

Krisenprozesse und narzisstischer Sozialcharakter

Krisengeschlechtlichkeit

Robert Kurz
Die Kälte gegen das eigene Selbst und der Todestrieb des entgrenzten Subjekts

Die Logik der Abspaltung und die Krise des Geschlechterverhältnisses

Die Kälte gegen das eigene Selbst

Die Ökonomie der Selbstzerstörung: Globalisierung und „Ausbeutungsunfähigkeit“ des Kapitals

Die Metaphysik der Moderne und der Todestrieb des entgrenzten Subjekts

Robert Kurz
Faule Dissidenz
Merkmale eines Syndroms destruktiver Opposition in der kritischen Theorie

Differenz, Dissens und Dissidenz

Selberdenken macht fett

Freiheit der Kritik

Kannitverstan

Unbequem ist angenehm

Dabei und dagegen

Heldenmütig gegen Denkverbote

Que(e)r denken macht frei

Daniel Späth
Querfront allerorten!
Oder: Die „Neueste Rechte“, die „neueste Linke“ und das Ende gesellschaftskritischer Transzendenz
Teil I: Die Entstehung der „Neuesten Rechten“

Die Krise der europäischen Union und die immanente Wende der Postmoderne

Verwirrung um die Querfront – Zur historischen Genese „deutscher Ideologie“ als ideologiekritische Voraussetzung des Neofaschismus

Das postmoderne Zeitalter der fundamentalen Krise, der Streit um Europa und die neue Vormachtstellung Deutschlands innerhalb der europäischen Krisenverwaltung

Die immanente Wende der Postmoderne, die europäische Krise und die Entstehung der „Neusten Rechten“ in Deutschland

Die gespaltene Mittelschicht in Deutschland

Die „Neueste Rechte“ im Widerspruch: Die Spaltungen im deutschen Neofaschismus und die entgrenzte „Dialektik der Ideologien“

Bernd Czorny
Das Verständnis von Zeit in der Vormoderne und in der Moderne unter Bezugnahme auf Postone

Einleitung

Zeitvorstellungen in archaischen und antiken Gesellschaften

Zeitvorstellungen im Mittelalter

Zeitvorstellung in der Moderne

Die Dialektik von abstrakter und historischer Zeit bei Postone

Schluss

Richard Aabromeit
Geld – ist doch klar, oder?
Teil I: Versuch über die Herkunft, die Geschichte und über das Wesen des Geldes

Vorbemerkung

Einleitung: Eine ganz andere Geschichtsauffassung und ihr Verhältnis zur Geldgeschichte

Geld im Alltagsverstand, in der öffentlichen Meinung und in der bürgerlichen Wissenschaft

…sowie bei Marx, bei Marxist/inn/en und bei ihnen Nahestehenden

Die konventionelle Position zur Geschichte des Geldes

Worum geht es also?

Die empirisch-historische Herkunft des Geldes

Exkurs: Geld in präkapitalistischen Sozietäten außerhalb des Abendlandes

Kurze Geschichte des Geldes seit dem Auftauchen der Münzen

Das Wesen unseres Geldes

Nachwort: Geld in der Wirtschaftstheorie und -politik

Roswitha Scholz
Wert-Abspaltungs-Kritik und Kritische Theorie

Gerd Bedszent
Oligarchie als Erscheinungsform erodierender Staatsmacht

Thomas Meyer
Business as usual
Vom fortlaufenden Wahnsinn der kapitalistischen Produktionsweise

Richard Aabromeit
Jeremy Rifkin: Die Null Grenzkosten Gesellschaft
Eine Rezension seines neuesten Buches

Thomas Meyer
Überwachen und Strafen
Zum demokratischen Staatsterror in Zeiten des Neoliberalismus

 

Editorial

In den letzten Jahren seit 2008 überschwemmen Publikationen den Markt, die den Niedergang des Kapitalismus nicht nur für möglich, sondern sogar für wahrscheinlich halten. Um hier nur einige Titel zu nennen: David Harvey, Siebzehn Widersprüche und das Ende des Kapitalismus (Berlin, 2015); Wolfgang Streek, Gekaufte Zeit: Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus (Berlin, 2015); Paul Mason, Grundrisse einer kommenden Ökonomie (Berlin, 2016); Ulrike Hermann, Der Sieg des Kapitals. Wie der Reichtum in die Welt kam (Frankfurt/Main, 2013); Mark Fisher, Kapitalistischer Realismus ohne Alternative? (Hamburg, 2013); Fabian Scheidler, Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation (Wien, 2015). Wallerstein sprach 2009 davon, dass der Kapitalismus wohl nur noch 30 Jahre leben wird (Telepolis, 6.2.2009), und Varoufakis spricht sich vehement dafür aus, dass man/frau den Kapitalismus vorerst retten müsste, damit man noch Zeit hat, sich Alternativen zu ihm ausdenken zu können, ansonsten ginge alles den Bach runter (der Freitag, 16.3.2015). Diese Auflistung ist keineswegs vollständig und könnte mühelos erweitert werden, es ist hier nicht der Ort, auf die einzelnen Veröffentlichungen im Detail einzugehen.<

Auch wenn viele dieser Analysen zur Lösung des Desasters ungeeignete alte Ansätze oder auch neue Pseudokonzepte präsentieren, etwa sozialdemokratische und keynesianische Annahmen, eine Politik der kleinen Netze, solidarische Ökonomie, Commons, das Internet der Dinge u. ä., so können sie nicht umhin, ein mögliches Ende des Kapitalismus in Betracht zu ziehen, selbst wenn ihre Analysen und Perspektiven häufig davon zeugen, dass sie es doch nicht so richtig glauben können oder wollen. Sind wir seit mindestens zwei Dezennien als ApokalyptikerInnen verschrien und verhöhnte man uns mit Parolen wie die „Offenbarung des Propheten“ (so ein Buchtitel von Rainer Trampert und Thomas Ebermann von 1994 nur als Beispiel), so kann man/frau die Augen mittlerweile doch nicht so einfach vor der Realität verschließen.

Ausgerechnet etliche angebliche alte Wertkritikkämpen lässt das aber völlig unbeeindruckt. So brachten die „Streifzüge“ eine Nummer heraus mit dem Schwerpunkt „Nabelschau“ (Nr. 66, 2016), in der die frühere Zusammenbruchsprognose nach den bisherigen Entwicklungen infrage gestellt wird. Franz Schandl attestiert EXIT! ein von Robert Kurz herübergekommenes „schwarzes Denken“ und ein „herbeiphantasiertes Ende des Kapitalismus“.1 Und Uli Frank schreibt nachfolgend auf der Webpräsenz der „Streifzüge“ zu der großen Krise um 2009: „War das der finale Zusammenbruch, die Erfüllung der Krisis-Prophezeiungen? Aber schon bald war von Aufschwung die Rede… Staat und Kapital hatten alles in die Entscheidungsschlacht geworfen, um eine Destabilisierung des Systems zu vermeiden… Kurz nach der Krise kamen schon die ersten Siegesmeldungen“.2 Es ist schon eine Kunst, den Zerfall/Zusammenbruch des Kapitalismus einfach in Zweifel zu ziehen und die Wirklichkeit zu verleugnen: Dazu genügt ein Blick in die Medien, ja sogar ins eigene Medium, die „Streifzüge“, die z.B. viele Artikel von Tomasz Konicz übernehmen, aber bei der „Offenheit“ der „Streifzüge“ (s.u.) sind freilich auch solche Positionen möglich. Frank goutiert in diesem Zusammenhang Jeremy Rifkin und sein Buch „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“, der optimistisch davon ausgeht, dass aus dem Kapitalismus auch positive Alternativen hervorgehen werden (siehe zur Kritik dieses Buches Richard Aabromeit in diesem Heft).

Indessen wurde von Robert Kurz immer wieder betont, dass der Kapitalismus nicht in einem einzigen Akt zusammenbricht, sondern es sich um eine ganze Epoche des Zusammenbruchs handelt, auch wenn er von Anfang an immer von jähen Zusammenbrüchen gesprochen hat, die aktuell verheerende Wirkungen auf das reale Leben in den entsprechenden Regionen hatten. Wenn diese Prognosen dann eintraten, wollte niemand (hierzulande) etwas wissen. Dass der Kapitalismus ewiglich existiert, galt so sicher wie das Amen in der Kirche. Man fragt sich, was diese angeblichen Wertkritikfans überhaupt gehört und gelesen haben, als sie sich noch weitgehend uneingeschränkt der Wertkritik zurechneten; offenbar nicht, dass es sich tatsächlich um den „Kollaps der Modernisierung“ handelt, der schon seit einigen Jahrzehnten offensichtlich ist. Erkennbar wird bei Schandl und Frank die Hoffnung, dass alles so bleibt wie es ist und man sich mit wertkritischen Sandkastenspielen begnügen kann, ohne ein Ende des Kapitalismus wirklich in Rechnung stellen zu müssen. So sieht der Alt-Sponti Frank etwa in Open-source-Bewegungen, wie auch im All-inclusive-Prinzip, den Vorschein einer nicht wertförmigen Gesellschaft im Hier und Jetzt, unabhängig davon, ob der Kapitalismus zerbricht oder nicht. Dabei will Schandl von kritischer Theorie offenbar noch nichts gehört haben, denn er spielt Kritik gegen Analyse/Theorie aus. Letztere soll der Knecht ersterer Sein: „Kritik will, dass Erkenntnis nicht um ihrer selbst Bestand haben soll, sondern möchte sie für uns nutzbar machen“. Es muss um ein „gedeihliches Miteinander“ gehen. Theorie und Kritik werden wiederum gegen ein an sich seiendes „Leben“ ausgespielt. „Kritik kann Leben nicht ersetzen“. Dabei werden Theorie und konkrete Analyse in konventionell germanistischen Sprachspielen weggezaubert und durch Erbaulichkeit ersetzt, die sich dialektisch geriert. Ausdrücklich attackiert Schandl die „Flaschenpost“ und damit die kritische Theorie von Adorno und Horkheimer, die widerständig auf Distanz zu den gesellschaftlichen Verhältnissen pocht, als wirkliche Voraussetzung von Transzendenz. Dabei schreibt er: „Reine Kritik gibt es nicht, sie ist Fiktion. Kritik hat in selbstkritischer Absicht auch sich selbst zum Gegenstand zu nehmen und über Amalgamierungen und Verstrickungen zu reflektieren. Umgekehrt gilt freilich auch: kein Ressentiment ist frei von Kritik. Auch die diffusesten Empörungen haben Spuren eines wahren Kerns, da mögen sie noch so reaktionär sein. Dieses Plädoyer pocht auf eine Einlassung und ist eine strikte Zurückweisung jedes monologischen und homologen Denkens“ (Schandl, a.a.O.). Schandl geht es dabei nicht, wie er vorgibt, darum, dass das „Unbehagen genau beobachtet und seziert werden (muss)“ (ebd.), sondern es geht ihm vielmehr um Einfühlung in die postmoderne Kleinbürgerseele. In diesem Kontext erweist sich Theorie freilich als „Manko, sie wird, wenn überhaupt, als Überheblichkeit wahrgenommen, nicht als das, was sie sein sollte: Hilfe und Kritik. So erscheint Kritik vielen als Zumutung, als Anstrengung, der nicht Motivation und Erfüllung folgen, sondern Streit und Zerwürfnis“ (ebd.) Dementsprechend menschelt es in den „Streifzügen“ in unerträglicher Weise. Man (weniger frau) verordnet ein gnadenloses Nettsein; nach der Lektüre von so manchem „Streifzüge“-Text fühlt man sich, als habe man mindestens vier Stücke Buttercremetorte auf einmal vertilgt. Eine verheideggerte Sprache etwa bei Schandl lässt Theorie und Analyse in den Hintergrund rücken. „Der Mensch“ als Abstraktum ist der eigentliche Gegenstand und Adressat dieses Geschreibsels; an ihn wird „liebevoll“ appelliert. Es kommt einem unwillkürlich ein Song des schon ins Querfront-Gerede gekommenen Xavier Naidoo in den Sinn: „Wenn mein Lied meine Lippen verlässt, dann nur, damit du Liebe empfängst…“. Dabei wird die Hohlformel des „guten Lebens“ gebetsmühlenhaft wiederholt. Eine solche Parteinahme für die Leidenden gegen das Skandalon ihres Leidens ist aber in Wirklichkeit keine! So sehen offensichtlich seine „Sprengversuche am bürgerlichen Subjekt“ aus, wie Schandl früher einmal einen seiner Texte betitelte.

Gewiss, eine derartige Kritik unsererseits ist alt, dennoch gewinnt sie innerhalb einer jahrzehntelangen stetigen Rechtsentwicklung, angesichts eines nochmaligen massiven Rechtsrucks seit 2008 bis hin zur Wahl von Trump zum Präsidenten der USA eine neue Dringlichkeit. Deshalb muss hier einigen scheinbar bis zum Überdruss geäußerten Kritiken noch einmal Nachdruck verliehen werden (vgl. hierzu die Rubrik auf der EXIT!-Homepage „Zur Kritik der verkürzten Wertkritik“ auf der Seite „Aktuelles“). Es ist einfach scheinheilig, wie die „Streifzüge“ noch eine Kritik an der Spekulantenschelte üben. Sie selbst haben in Wirklichkeit einen Affekt gegen die Abstraktion, dem sie bisweilen gar nicht so verblümt Ausdruck geben. Vor diesem Hintergrund blickt Schandl auf die Jahre der Wertkritik zurück und konstatiert, dass sie seit 2004 an Bedeutung verloren habe. Er wünscht sich eine „bunte Truppe“, keine finster entschlossene „Loge der Kritik“. Das Nicht- bzw. Weniger-beachtet-Werden in der Öffentlichkeit spreche so im Grunde für die Verkehrtheit dieser Position, denn es gehe darum, etwas zu „bewirken“. Wie sich solch eine „bunte Truppe“ publikationspraktisch zeigt, wird deutlich, wenn in den „Streifzügen“ ein Peter Klein einen Artikel veröffentlichen kann, in dem steht: „Ob sie wollen oder nicht, die neuen Rechten praktizieren mit ihrem desaströsen Verhalten eine wenn auch hilflose Art von Antikapitalismus. Sei es auch nur darum, dass sie als das barbarische Resultat des neuesten kapitalistischen Entwicklungsstadiums aufzufassen sind, als seine häßliche Fratze. Und als diese verdienen sie ernstgenommen zu werden. Mir imponiert es sogar, dass hier endlich einmal Verlierer auftreten, die sich von der herrschende Ideologie des ‚Selber schuld!‘ nicht mehr einschüchtern lassen.“3 Zwar wird dann sogleich ein Text von Lothar Galow-Bergemann hinterhergeschickt, der dem Klein-Text implizit widerspricht. Man will sich so von Peter Klein scheinbar distanzieren. Dies ist allerdings eine Masche, mit der faktisch Querfrontinhalte transportiert werden können. Schließlich hat man ja auch die andere Seite zu Wort kommen lassen, ja sogar ansonsten ausdrückliche Querfrontkritiker wie Galow-Bergemann. So haben wir uns eine „magazinierte Transformationslust“ schon immer vorgestellt.

„Scholastische Trockenübungen … sind zu überwinden“ (Schandl, a.a.O.) In seinem Harmonietaumel ist Schandl freilich ein „manichäisches Weltbild“ fremd, wie hier eine Haltung bezeichnet wird, die sich nicht von den Verhältnissen dumm machen lassen will (Adorno) und nicht das Gespräch mit jedermann sucht. Schandl beklagt, dass die Wirkung der Wertkritik „aktuell eine sehr begrenzte“ ist und folgert daraus: „Unsere Aufführungspraxis ist zu hinterfragen, die gesamte Struktur der Performance“. Es ist kein Zufall, dass Schandl hier in die Theatersprache verfällt, genügt es ihm doch nicht, das anzuprangern, was ist, sondern eine populistische Menschenfängerei ist bei ihm oberstes Gebot, bei der es um „das Leben“ geht, gleichgültig, wie Subjektivität sich darstellt. Dass Wertkritik angeblich mittlerweile so wenig Anklang findet, verwundert nun aber doch; bei so viel Menschelei, Beschwörung des Lebens und der Bereitschaft, dem Volk aufs Ressentiments absondernde Maul zu schauen, müsste die „Streifzüge“-Wertkritik eigentlich massenhaft Zulauf haben, im Gegensatz zu anderen wertkritischen „Sekten und Grüppchen“ mit ihrem „schwarzen Denken“ und ihrem polemischen Stil. Die „Streifzüge“ seien auch, ja was wohl, im Gegensatz zu diesen natürlich lebendig in ihrer Vielfalt geblieben. Als Grund dafür nennt Schandl die legitime Schonung der eigenen Kräfte. Und so zeigt sich vor allem auch am Ende seines Artikels, dass er längst zum Wertkritik-Zombie geworden ist und nichts anderes mehr als seine Ruhe haben will. Und gerade deshalb dürfte ihm eine leidenschaftliche, provozierende und sich mit den Verhältnissen nicht abfindende Wert-Abspaltungs-Kritik ein Dorn im Auge sein; nicht zuletzt auch deswegen die ganze Lebens- und Lebendigkeitsrhetorik. Zudem schimmert durch den Softie-Habitus eine maßlose Aggression und ein Hang zur Raserei durch, die sich jedoch nicht äußern dürfen, da man ansonsten selbst unglaubwürdig werden würde. Das wirft man schon lieber anderen vor. Und so darf ein tatsächliches Ende des Kapitalismus, wie etwa auch bei Frank, nicht sein und wird eine Wertkritik ohne Zusammenbruchsthese bevorzugt. Dies macht diverse Wertkritiken mit bürgerlichen Ende-des-Kapitalismus-Kritikern (siehe oben) gemein, beide wollen die grundsätzliche Infragestellung des Kapitalismus bei Beibehaltung seiner Grundlagen, wobei sich die bürgerlich-marxistischen Kritiker sein Ende jedoch noch eher vorzustellen trauen. Ein wertkritischer Populismus ist bei den „Streifzügen“ schon immer Programm, selbst wenn sie sich weiterhin theoretische Hinterzimmer offenhalten wollen.

Obwohl wir seit nunmehr fast 13 Jahren in vielen Texten die verkürzte Wertkritik von „Streifzüge“, „Krisis“ und Co. benannt und herausgearbeitet haben und Schandl diese zum Teil selbst offenbart: durch den unterschiedlichen Theoriebezug, das Problem der Verheideggerung der Wertkritik und die Bastlermentalität im Zusammenhang einer angeblich angestrebten Überwindung des Kapitalismus, die Bewegungsgeilheit der Streifzüge, das Nähren von falschen Kleinbürgerbedürfnissen und das Fehlen von Subjektkritik, nicht zuletzt der mangelhafte Bezug auf die Wert-Abspaltungs-Kritik usw., der auch wieder einmal bei Schandl und Frank auftaucht (bei Frank wird sie nur über das männliche Medium Robert Kurz beiläufig thematisiert), werden wir in eine solche Wertkritik-Zwangs-Gemeinschaft gezwungen. Die Wert-Abspaltungs-Kritik wird so wieder einmal für androzentrische Interessen missbraucht. Schandl pocht immer noch darauf, dass die eigenen Positionen denen eines Robert Kurz verdächtig nahe seien, auch wenn dessen „schwarzes Denken“ überwunden werden müsse: „Nicht nur der Abschied vom schwarzen Denken ist nötig, auch der Schritt vom monologischen zum dialogischen Denken wäre angesagt“ (ebd.), völlig gleichgültig, mit wem man da redet, denn auch ein reaktionäres Denken beinhaltet ja angeblich immer transzendente Kritikmomente…

Selbst „Krisis“ scheint laut Schandl längst auf die schiefe Bahn gekommen zu sein: „Abgeschwächt gilt das auch für die Entwicklungen in der Krisis seit 2004. Auch hier konnte man sich von diversen Beschränkungen des ‚Systems Krisis‘ (Lorenz Glatz) nie freispielen“. Mittlerweile scheint also auch „Krisis“ es mit dem Leben, der Menschelei und dem Populismus der „Streifzüge“ buchstäblich zu bunt geworden zu sein. Eigentlich müssten sie so unserer Kritik seit 2004 an einer Rechtsentwicklung und dem „Verkaufe“-Willen (Robert Kurz) der „Streifzüge“ recht geben, die sie damals noch unterstützt haben. Dies geschieht aber nicht. Dafür dürfte nicht nur falscher Stolz verantwortlich sein. Sieht man/frau sich etwa die Überlegungen von Norbert Trenkle an, wie Emanzipation heute aussehen könnte,4 fällt auf, dass er bei der Dezentralisierung und einer Aneignung des Reichtums stehen bleibt, um sich vom Warenfetisch zu emanzipieren. Kein Wort zu Antisemitismus, Rassismus und Sexismus und zu der Wert-Abspaltung als gesellschaftlichem Basiszusammenhang, und das im Herbst 2015, in dem die Flüchtlingsbewegungen und der Rechtsruck allenthalben Schlagzeilen machten; stattdessen wird ein Stefan Meretz, der als „Open Source“- und „Commons“-Gewährsmann auch bei den „Streifzügen“ schreibt, wohlwollend zitiert. Eine Subjektkritik fehlt ausgerechnet beim Thema Emanzipation vollständig (vgl. hierzu die Kritik von Thomas Meyer an Paul Mattick in diesem Heft). Insbesondere Karl-Heinz Lewed soll bei „Krisis“ hier wohl der Ausputzer sein, mit seinen Sekundärarbeiten zu Robert Kurz, was Islamismus und Todestrieb betrifft. So groß kann der Unterschied zu den „Streifzügen“ also doch nicht sein, man versucht ihn bei „Krisis“ nach wie vor zu verwischen (vgl. hierzu den Artikel „Faule Dissidenz“ ebenfalls in diesem Heft). So blieben bislang auch die Veröffentlichungen Peter Kleins und Lothar Galow-Bergemanns auf der „Streifzüge“-Homepage (s.o.) unkritisiert; man suggeriert eine im Grunde intakte Wertkritikgemeinschaft und möchte die Differenzen aussitzen. Gerade in fortgeschrittenen Querfrontzeiten geht es aber nicht an, alles mögliche nebeneinander zu stellen und sich damit „gleichberechtigt“ gemein zu machen. Vielmehr sind Unterschiede und Differenzen vehement geltend zu machen und es ist eindeutig Stellung zu beziehen. Dazu gehört auch zur Kenntnis zu nehmen, dass sich „Krisis“ und EXIT! hinsichtlich eines methodologischen Individualismus, der Frage der Substanz des Kapitals und der Wert-Abspaltungs-Kritik grundsätzlich unterscheiden. Auch in Veranstaltungen und Seminaren erlebt man/frau jedoch immer wieder Leute, die fast gewaltsam eine Zwangsvereinheitlichung herstellen wollen, ungeachtet der vor allem bei den „Streifzügen“ ins Auge stechenden querfrontkompatiblen Tendenzen, wobei auf einen wertkritischen Rechtsruck seitens EXIT! schon früh aufmerksam gemacht wurde (siehe z. B. Scholz: „Der Mai ist gekommen“, EXIT!, Nr. 2, 2005).

Wenn notwendig, muss kritische Theorie aber nach wie vor auch den Schneid haben, in einer kärglichen Hütte zu überwintern und sich nicht überall anzubiedern. Entscheidend ist hier der Inhalt und nicht eine falsche Menschelei, leere Offenheit und Leutseligkeit. Vielleicht noch nie war eine kritische Distanz zu den gesellschaftlichen Verhältnissen so notwendig wie heute, in einer Situation, die scheinbar wie keine andere zuvor nach gesellschaftlichen konkreten Alternativen schreit, wobei eine traditionell distanzierte Wert-(Abspaltungs-)Kritik in ihrer „Abgehobenheit“ obsolet geworden zu sein scheint. Wenn Wilhelm Heitmeyer heute ein gefährliches und eigentlich reaktionäres Bedürfnis nach Normalität feststellt, das den Nährboden für die Ausgrenzungsgesellschaft darstellt, die er schon seit Jahrzehnten untersucht hat, und zu Recht konstatiert, dass man es eigentlich hätte wissen können (Der Freitag, 13.10.2016), so gilt dies ebenso und erst recht für eine radikale Wert-Abspaltungs-Kritik, die den Zerfall und schließlichen Zusammenbruch des Kapitalismus prognostiziert(e). Schon vor mehr als 20 Jahren geißelte sie eine „Verhausmeisterung“ der Gesellschaft (Scholz, Die Metamorphosen des teutonischen Yuppie, Krisis 16/17, 1995).

Bei so viel Mut zu Vielfalt und Offenheit erstaunt es auch nicht, dass in den „Streifzügen“ neuerdings auch wieder einer zu Wort kommt, der einstmals zu deren Wertkritik-Crew gehörte, nun aber längst zur Gegenseite (Achtung Feindbild, Polemik und Aggression!) übergelaufen ist: Andreas Exner. Der Titel seines Aufsatzes in den „Streifzügen“ lautet – wie überraschend! – demgemäß: „Ein Durchgangsstadium mit offener Perspektive“.5 Schon längst hatte er der Wertkritik vorgeworfen, sie beachte zu wenig den Klassengegensatz und die stetige Landnahme, die fortdauernde Akkumulation des Kapitals durch die ewige Einverleibung von Arbeitskräften (in: Karl Reitter (Hg): Karl Marx – Philosoph der Befreiung oder Theoretiker des Kapitals?, Wien, 2015). Nun wirft er sich in seinem „Durchgangs-Text“ in die Pose der Subalternen mit Bezug auf Bourdieu und geißelt an der Wertkritik ein elitäres Intellektuellentum. Seit einiger Zeit Doktorarbeiter, will er eine verdinglichte Wissenschaft retten und führt sie allen Ernstes gegen die Wertkritik im Sinne eines Robert Kurz ins Feld, wobei alle Markt-Märchen, die Claus Peter Ortlieb aufgedeckt hat, außer acht gelassen werden (vgl. EXIT! Nr. 1, 2004). Theorie muss bei ihm so schon immer Praxis-Theorie sein. Die Empirie und die Wissenschaft werden als honorige Autoritäten beschworen, ohne zu beachten, dass die gängige Empirie und Wissenschaft vor aller wertkritischen Theorie und Empirie (!) versagt haben, wie sich in den Krisenszenarien heute zeigt. Robert Kurz wollte mit guten Gründen nie ein bürgerlicher Wissenschaftler und Akademiker sein, und gerade deshalb war er auch in der Lage, einen Zusammenbruch des Kapitalismus zu prognostizieren. Nun aber wird ihm von Exner unterstellt, dass er nach Anerkennung im bürgerlich-marxistischen Wissenschaftsbetrieb gelechzt habe, anstatt zu sehen, dass ein derartiger Wissenschaftsbetrieb nun ein Ende des Kapitalismus konstatiert, ohne die Wert-(Abspaltungs-)Kritik zu erwähnen, die dies längst prognostizierte, was man als affirmativer Post-Wertkritiker indes nicht wahrhaben will. Aber wenn man eine Karriere im Wissenschafts- und linken Szenenbetrieb einschlagen will, graust es einem vor nichts mehr; dann ist man bereit, seine eigene Großmutter zu verkaufen, wie es noch vor einigen Jahrzehnten zutreffend hieß, auch wenn man bei den Studentenprotesten vor einigen Jahren vollmundig mit Andre Gorz „Zerschlagt die Universität“ skandiert hat. Vor diesem problematischen Hintergrund gebärdet sich dann eine angebliche Offenheit, jenseits aller Inhaltlichkeit, Substanzialität und Kritik, in der Unverbindlichkeit eines scheinbaren Undogmatischseins. Etliche angebliche Wert-KritikerInnen sind längst zu Szene-HopperInnen geworden (oder waren es von vornherein), da mag man sich bei „Krisis“ noch so sehr um eine authentische Wertkritik jenseits der Neuen Marxlektüre bemühen (vgl. Karl-Heinz Lewed, Krisis 3/2016) und sich damit einen neuen „Distinktionsgewinn“ (Bourdieu) und eine neue Verkaufe erhoffen, indem noch, ganz postmodern, eine Substanz des Kapitals verneint wird und wie überaus originell eine „formelle Totalität“ heute postuliert wird, wenn die reelle Subsumtion unter das Kapital allenthalben Anlass zum Räsonnement geworden ist, bei gleichzeitigem Sichtbarwerden seiner Entwertung. Man pocht auf eine wirklich-authentische Wertkritik (und ein entsprechendes wertformanalytisches Verständnis) bei Lewed, während man gleichzeitig „verschiedenen“ Auffassungen von Wertkritik bislang sogar „programatisch“ Raum gibt, schon qua „Selbstverständnis“ (siehe die Rubrik „Who we are“ auf der „Krisis“-Homepage). Im Übrigen ist der Gegensatz zur abstrakten Totalität nicht die substanzielle Totalität, wie es in der Übersetzung des Buches „Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft“ von Postone (2003) heißt, sondern eben die konkrete Totalität, der nicht eine formelle Totalität gegenübergestellt werden kann, wie bei Lewed, sondern dieser Terminus beinhaltet eben den historisch-konkreten Fortgang des Kapitalismus und das reale gesellschaftliche Leben.

Es geht somit nicht bloß um das Ende des Kapitalismus „wie wir ihn kennen“, eine Formulierung, die auf einen wie immer gearteten Fortgang des Kapitalismus nach wie vor hofft, sondern es müssen ernsthaft Überlegungen angestellt werden, wie es nach dem kapitalistischen Patriarchat weitergeht und welche Transformationsschritte hierzu nötig sind. Dementsprechend sucht ein wert-abspaltungs-kritischer Ansatz nicht eilfertig nach (falschen) Auswegen, sondern sagt ganz offen, dass es solche Wege unmittelbar-gegenwärtig nicht gibt. Er buddelt sich nicht in Wert- bzw. auch affirmative Post-Wert-Kritiken ein, die in Wirklichkeit die Vorstellung einer anderen Gesellschaft scheuen. Bezugssystem ist dabei nicht die Subjektrettung, wie bei Schandl u. Co: „Der Mensch“ heute soll eigentlich keine Kritik erfahren, sondern als solcher einfach so sein dürfen in seiner ganzen eignen Gemeingefährlichkeit. Schwerpunkte dieser Nummer von EXIT! sind stattdessen: Psychoanalyse und Subjekt, Querfrontstrategien damals und heute sowie Geld in Vormoderne und Moderne:

In dem Artikel „Die sozialpsychische Matrix des bürgerlichen Subjekts in der Krise“ von Leni Wissen geht es zum einen darum, die „sozialpsychische Matrix“ des bürgerlichen Subjekts anhand einer aus wert-abspaltungs-kritischer Sicht entwickelten Lesart der Freud’schen Psychoanalyse zu bestimmen. Denn auch wenn das Denken, Handeln und Fühlen von Menschen nicht unmittelbar aus der Form der Wert-Abspaltung abgeleitet werden kann, stellt sich die Frage, warum Menschen in ihrem Denken, Handeln und Fühlen ganz alltäglich die abstrakten Kategorien reproduzieren. Weil nun die Form kapitalistischer Vergesellschaftung sich nicht abstrakt, sondern vermittelt mit ihren empirischen Verläufen zeigt, unterliegen auch das Subjekt und seine sozialpsychischen Vermittlungen der Prozesshaftigkeit kapitalistischer Vergesellschaftung. Insofern wird es in dem Artikel zum andern darum gehen, der Ausbreitung des Narzissmus unter den Bedingungen der postmodernen Krisenepoche auf die Spur zu kommen.

Auch in diesem Heft wollen wir einen Auszug aus dem vergriffenen Buch „Weltordnungskrieg“ von Robert Kurz publizieren, nachdem Amokläufe, Selbstmordattentate und sinnlose Bürgerkriege im Zuge des prognostizierten Verfallsprozesses in den letzten Jahren erwartungsgemäß massiv zugenommen haben. Eine seiner zentralen Thesen lautet: „Nach Jahrhunderten kapitalistischer Zurichtungsgeschichte und nach der Durchsetzung des Kapitalverhältnisses als unmittelbares Weltverhältnis ist es die eine, universelle, das überall identische Vakuum des Werts ‚verkörpernde‘ Subjektform, die das innere Selbst der Individuen als vollkommen farbloses, ja überhaupt qualitätsloses Wesen konstituiert, während die kulturelle Differenz nur noch eine äußerliche, quasi folkloristische Bemalung darstellt. Deshalb sind die ‚lebenden Bomben‘ (Enzensberger …), die durch die Welt des globalisierten Kapitals irren, auch die ureigensten Produkte dieser Welt: identische Subjekte derselben Realmetaphysik, in denen der Todestrieb dieser negativen Vergesellschaftung manifest geworden ist. Die Amokläufer an den US-High-Schools und die islamischen Selbstmordattentäter sind mehr durch ihre Subjektform und damit in ihren Taten geeint als durch ihren unterschiedlichen kulturellen Hintergrund getrennt.“ Dabei berücksichtigt Kurz auch psychoanalytische Gesichtspunkte. Im Gegensatz zu Badiou, der in letzter Zeit ebenfalls mit einer Todestriebthese Aufmerksamkeit erregt hat (Der Freitag, 21.3.2016), analysiert Kurz derartige Tendenzen vor dem Hintergrund der Logik der Abspaltung und der Krise des Geschlechterverhältnisses im Kontext einer Ökonomie der Selbstzerstörung, der Globalisierung und der „Ausbeutungsunfähigkeit“ des Kapitals.

Ebenso veröffentlichen wir in dieser Nummer den bislang noch unveröffentlichten Text von Robert Kurz „Faule Dissidenz. Merkmale eines Syndroms destruktiver Opposition in der kritischen Theorie“, der auf jahrelangen Erfahrungen eben „destruktiver Opposition“ in linken Theoriezusammenhängen beruht. Dabei geht es im Kern um Folgendes: „Jede Position kritischer Gesellschaftstheorie enthält notwendigerweise unaufgelöste innere Widersprüche und offene Fragen, ist unabgeschlossen und in ihrer Ausformulierung gefärbt von der keineswegs immer edlen Individualität ihrer AutorInnen. Kein Corpus theoretischer Publikationen kann daher von jedem und jeder und in jedem in diesem gemeinsamen Zusammenhang bis aufs letzte I-Tüpfelchen sozusagen mit Blut unterschrieben werden … Die Dissidenz kann durchaus fruchtbar sein, wenn sie am geistigen Ort eines Epochenbruchs als historische Weichenstellung stattfindet.“ Als Beispiel nennt er die Konstitution der alten Wertkritik oder die Wert-Abspaltungs-Kritik. Dann droht jedoch eine Form von Dissidenz, die alles andere als vorwärtsweisend ist: „Man müsste in diesem Sinne von einer regressiven Dissidenz sprechen, die allgemeiner auch als faule Dissidenz bezeichnet werden kann; durchaus in Anspielung auf den Hegelschen Begriff der ‚faulen Existenz‘. Es handelt sich dabei nämlich nicht nur um eine Rolle rückwärts innerhalb einer theoretischen Transformation, sondern überhaupt um einen Impuls destruktiver abstrakter Selbstbehauptung oder einen leeren Gegensatz … vor allem heute in postmodernen Zeiten, deren Geschöpfe vor jeder Bestimmung sogar dann zurückscheuen, wenn sie sich einer theoretischen oder politischen Gruppierung angeschlossen zu haben scheinen.“ Wir erleben es immer wieder, dass von uns weitgehend bearbeitete Thematiken, wie z. B. ein kritischer Bezug auf die Aufklärung, die Ablehnung eines problematischen unmittelbaren Praxisverständnisses und eines existenzphilosophischen Bezugs auf „das Leben“ (s. o.), die Bestimmung des geschlechtlichen Abspaltungsverhältnisses als für die Bestimmung der gesellschaftlichen Form dem Wert gleichgestelltes Verhältnis usw. im näheren Umfeld der EXIT! infrage gestellt und uralte Argumente wieder als etwas „ganz Neues“ dagegen hervorgebracht werden. Das ist ermüdend und führt nicht weiter, zumal etliche Texte vorliegen, in denen derartige Positionen schon lang und breit diskutiert und kritisiert worden sind. In diesem Zusammenhang moniert Kurz auch eine postmoderne Que(e)rdenkerei, die eine abstrakte Meinungsvielfalt ohne inhaltlichen Bezug propagiert. „Die Theoriemixer und Theorievermittler tun so, als läge der Konflikt nicht in der Sache selbst, sondern bloß in Einseitigkeiten des Denkens bei den Protagonisten; bis eben die freundlichen Queerdenker den goldenen Mittelweg aufzeigen, der leider immer nur in die postmoderne Entwirklichung der Sache selbst führt.“

Dass derartige Querdenkereien und Vermittlungen keineswegs bloß im harmlosen postmodernen Spieluniversum verbleiben, zeigt Daniel Späth auf, wenn er die seit dem Crash 2007/8 zunehmende Querfrontbewegung zum Thema macht. Im vorliegenden ersten Teil seines Artikels „Querfront allerorten! oder Die ‚Neueste Rechte‘, die ‚neueste Linke‘ und das Ende gesellschaftskritischer Transzendenz“ legt er den realgesellschaftlichen und historischen Bedingungszusammenhang dar, der den Neofaschismus in Deutschland und Europa hervortreibt, und unterzieht die „Neueste Rechte“ einer Kritik auf den verschiedenen Ebenen der „konkreten Totalität“. Nach einer geschichtstheoretischen Entfaltung des Verhältnisses von negativer Universalität und nationaler Partikularität mit besonderem Fokus auf die deutsche Ideologie wird der Zusammenhang zwischen postmoderner Krisenvergesellschaftung und Entstehung des deutschen Neofaschismus hergestellt, wobei die Reflexion auf eine postmodern-immanente Wende eine besondere Bedeutung gewinnt. Sodann werden die drei Flügel des Neofaschismus – „Alternative für Deutschland“, „Mahnwachen für den Frieden“ und „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ – sowohl in ihrer Einheit als auch in ihren Unterschieden dargestellt. Schließlich erfährt die vorwaltende „Dialektik der Ideologien“ eine ausführliche Analyse, da die inneren Kontroversen des Neofaschismus auf das Ausspielen der eigenen Ideologie gegen eine andere zurückzuführen sind, weshalb diesen innerfaschistischen Auseinandersetzungen im Einzelnen nachgegangen wird.

Bernd Czorny geht in seinem Aufsatz der Geschichte von Zeitvorstellungen nach. Die vormodernen Zeitvorstellungen zeichnen sich durch eine zyklische Form aus, die an konkrete Tätigkeiten oder Ereignisse unlösbar gebunden ist. In der Moderne erfährt die Zeitauffassung jedoch durch das Geld eine Abstraktion; die unmittelbare Verbindung von Tätigkeit oder Ereignis und Zeit löst sich. Abgeleitet aus der Dialektik von abstrakter und konkreter Arbeit, abstraktem und stofflichem Reichtum konstatiert Moishe Postone eine Dialektik von abstrakter Zeit und konkret-historischer Zeit in der Moderne. Hierbei ist die abstrakte Zeit Maß und Bestimmung des abstrakten Reichtums. Mit steigender Produktivität wird die jeweilige Zeiteinheit hinsichtlich der Produktion des stofflichen Reichtums immer dichter, damit wird die Bestimmung gesellschaftlich notwendiger Arbeit entlang der Achse der abstrakten Zeit verschoben, welches ein Paradoxon dahingehend darstellt, dass der abstrakte Zeitrahmen konstant bleibt, während er substanziell neu bestimmt wird. Die Totalität des Kapitalismus wird nur voll erfasst, wenn das geschlechtliche Abspaltungsverhältnis berücksichtigt wird. Die Abspaltung betrifft u.a. Tätigkeiten der Reproduktion wie menschliche Zuwendung, Betreuung, Pflege bis hin zur Erotik, Sexualität und Liebe, die dem weiblichen Geschlecht zugeordnet werden. Hier macht Roswitha Scholz in Anlehnung an Frigga Haug zwei Zeitlogiken aus: die Zeitsparlogik, die den Gesetzen des Marktes und des Gewinnes gehorcht, und die Zeitverausgabungslogik für den Reproduktionsbereich. Hierdurch wird eine neue Ebene der Zeitbetrachtung eröffnet, die ebenfalls beachtet werden muss.

Richard Aabromeit beginnt in diesem Heft eine Artikelserie zum Thema „Geld“ mit drei geplanten Teilen: Der erste, hier vorliegende, befasst sich, nach einer kurzen Darstellung einer anderen als der gängigen Geschichtsauffassung, mit der Herkunft, der Geschichte und mit dem Wesen des Geldes. Er will aufzeigen, was es mit dem Geld und seinen Vorläufern auf sich hat, also wie und woher das Geld auf uns gekommen ist; acht der wichtigsten Ansätze zur Erklärung der Herkunft des Geldes werden kurz skizziert und danach einer kritischen Betrachtung unterzogen. Zusammenfassend wird anschließend die Behauptung erläutert, dass, mit etlichen Einschränkungen, eigentlich alle Herkunftsnarrative ihre jeweils spezifische Berechtigung haben. Im nächsten Schritt wird in einer Kurzübersicht die Historie des Geldes von seinen Ursprüngen als Münzen bis heute nachgezeichnet. Am Ende wird ein Versuch zur Bestimmung des Wesens des Geldes in seinem heutigen Dasein, also in der Wert-Abspaltungs-Formation, vulgo: Kapitalismus, versucht. Dieser Versuch basiert auf der Erkenntnis, dass das Geld in der uns bekannten Form eigentlich erst seit rund fünfhundert Jahren existiert und damit sein Wesen etabliert hat. Die beiden anderen Teile des Artikels werden sich in den nächsten Ausgaben dieser Zeitschrift mit der Theorie und der Politik rund um das Geld auseinandersetzen sowie das Verhältnis des Geldes innerhalb der Wert-Abspaltungs-Formation zu den Subjekten und zur Totalität unter die Lupe nehmen.

Zum Schluss: Erfreulicherweise sind in den zurückliegenden Jahren zwei Bücher von Robert Kurz in Übersetzung erschienen: Kollaps der Modernisierung auf Spanisch (2016 bei Editorial Marat, Argentinien) und Geld ohne Wert auf Portugiesisch (bereits 2014 bei Antígona, Portugal).

Für die Redaktion Roswitha Scholz im Dezember 2016

 


 




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