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Landnahme – Ausgrenzungsterror – Rechtsruck. Einladung zum EXIT!-Seminar 2016


Einladung zum EXIT!-Seminar 2016

Vom 7. – 9. Oktober in Mainz

Landnahme – Ausgrenzungsterror – Rechtsruck

Die Welt gerät zunehmend aus den Fugen - diese Einschätzung trifft zu, auch wenn sie mittlerweile zur Gewissheit der Stammtische gehört. Der von Robert Kurz bereits in der Mitte der 1980er Jahre prognostizierte allmähliche Zusammenbruch/Zerfall des Kapitalismus wird immer offensichtlicher. Dies zeigt sich in zahlreichen Bürgerkriegen, im Flüchtlingselend, neuen geopolitischen Verwerfungen zwischen Staaten auch innerhalb Europas, dem Brexit, im Überflüssigwerden und in Verarmungstendenzen großer Bevölkerungsgruppen, dem Zerfall von Staaten in der Peripherie, in zunehmender Gewalt gegen Frauen, Homosexuelle und sogenannten Transidentitäten, im (rassistischen) Ausgrenzungsterror, in religiösen Fundamentalismen, in Selbstmordanschlägen und in der Etablierung rechter Parteien und Bewegungen. Diesen Stichpunkten könnten noch mehrere hinzugefügt werden. Dauerbrenner in den letzten eineinhalb Jahren waren dabei insbesondere die Flüchtlingsbewegungen, Pegida und der Aufstieg der AFD. Im diesjährigen Fokus unseres Seminars sollen deshalb – angelehnt an das letzte Exit!-Heft Nr. 13 - die Themen Ausgrenzungsterror, Rechtsruck und die Auseinandersetzung mit neueren Landnahme-Theorien stehen, die sich seit dem Crash 2007/8 - zu Unrecht - als Erklärung der Krise ausgesprochener Beliebtheit erfreuen. Dabei wird es ebenso um die Widersprüchlichkeit neu-rechter Tendenzen, den rückwärtsgewandten Bezug auf die Nation als vergebliche Lösung der tiefgreifenden Krise, sowie Querfrontstrategien aus wert-abspaltungs-kritischer Perspektive gehen. Anhand von Nigeria wird die innere Situation eines zerfallenden Staates in der Peripherie beschrieben, und exemplarisch aufgezeigt, warum Menschen zur Flucht gezwungen sind.

Freitag, 7. Oktober

19.00 – 21.30 Uhr
Roswitha Scholz: Zur Kritik von neueren Landnahme-Theorien aus der Warte der Wert-Abspaltungs-Kritik

Gerade seit dem Crash 2007/8 haben neue Landnahme-Theorien Hochkonjunktur. Nachdem ich aus Diskussionen weiß, dass diese Theorien auch in wert-bzw. wert-abspaltungs-kritischen Kreisen Anklang finden bzw. der Unterschied gar nicht klar ist, möchte ich in dem Vortrag die Differenzen zwischen beiden Ansätzen behandeln. Gegenstand meiner Ausführungen werden dabei die einflussreichen Landnahme-Konzepte von Klaus Dörre aus einer modifiziert gewerkschaftlichen Perspektive und Silvia Federici, die eine operaistisch-feministische Sicht von „Landnahme“ vertritt, sein. Die zentrale These ist dabei, dass der prozessierende Widerspruch im Zusammenhang mit der historisch-dynamischen Wert-Abspaltungs-Struktur den Wesenskern des kapitalistischen Patriarchats ausmacht und nicht ein im Grunde höchstens äußerlich historisch bestimmtes Prinzip der „Landnahme“, das jedoch zunächst einmal phänomenologisch, weil am eigenen Leib erfahrbar, eingängig zu sein scheint.

Samstag, 8. Oktober

10.00 – 12.30 Uhr
Gerd Bedszent: Zusammenbruch der Peripherie am Beispiel Nigerias

Das „Scheitern“ zahlreicher postkolonialer Staaten in Afrika und Asien ist im Wesentlichen ein Scheitern des Projektes nachholender Modernisierung. Ein besonders markantes Beispiel ist der westafrikanische Staat Nigeria. Dessen Oberschicht wurde infolge sprudelnder Ölquellen zwar steinreich. Die dank staatlicher Förderprogramme aus dem Boden gestampften Industrieprojekte krachten jedoch zusammen und die Landwirtschaft schrumpfte. Als Folge geminderter Steuereinnahmen wurden öffentliche Institutionen auf schäbige Reste zusammengestrichen und die Bevölkerung versank in einem Sumpf aus Armut, Hoffnungslosigkeit und kriminellen Bandenkämpfen.

Robert Kurz schrieb schon vor Jahren zum auf den Zerfallsprozess der Ökonomie folgenden Zerfallsprozess der Politik: Der „unlösbare Widerspruch entlädt sich in Hassideologien, religiösem Wahn, Terror, Massakern und ziellosen Bürgerkriegen“. Mit genau diesem Szenario haben wir es in Nigeria seit Jahren zu tun.

15.00 – 15.30 Uhr
Herbert Böttcher: Wir schaffen das!“
Mit Ausgrenzungsimperialismus und Ausnahmezustand gegen die Flüchtlinge

Die Willkommenskultur für Flüchtlinge stößt auf die Grenzen der politischen Steuerbarkeit der Krise des Kapitalismus, die im Elend der Flüchtlinge sichtbar wird. Das Referat reflektiert die sog. Flüchtlingskrise vor diesem Hintergrund. Folgende Aspekte kommen zur Sprache:

  1. Die Kapitallogik – verstanden als prozessierender Widerspruch – löst eine Dynamik der Zerstörung aus. Sie produziert objektiv überflüssige Menschenmassen und zerstört zugleich die sozialen, politischen und ökologischen Grundlagen gesellschaftlichen Lebens.
  2. Dennoch bleibt das Handeln der politischen Akteure an die politische Form gebunden. Es versucht, die Krise im Rahmen dessen einzuhegen, was Robert Kurz als „Ausgrenzungsimperialismus“ analysiert hatte. Es geht verschärft darum, die überflüssigen Menschenmassen möglichst weit weg von den europäischen und deutschen Grenzen in Schach zu halten, während diejenigen, die es über die europäischen Außengrenzen schaffen, als Verwertbare integriert und Überflüssige möglichst schnell abgeschoben werden sollen.
  3. Der „Ausgrenzungsimperialismus“ mündet ein in den Ausnahmezustand. Der Normalzustand des Rechts gilt für die (noch) Verwertbaren. Für den Rest bleiben die Not- und Zwangsmaßnahmen der Krisenverwaltung. Sie schaffen Räume, in denen die Überflüssigen unter Kontrolle gehalten werden sollen und ihre Entrechtung legalisiert wird.
  4. Autoritäre, rechtsextreme, rassistische und sexistische Denk- und Handlungsweisen einhergehend mit männlicher Gewalt haben die Willkommenskultur schnell verdrängt. Sie sind nicht aus der Krise abzuleiten, müssen aber dennoch in ihrem Zusammenhang reflektiert werden. Nicht zuletzt die Formen männlicher Gewalt der nun auch vermehrt Europa erreichenden Amokläufe und Selbstmordattentate sind nicht einfach Ausdruck der Irrationalität Einzelner. In ihnen spiegelt sich die vernichtende Leere des abstrakten und irrationalen kapitalistischen Selbstzwecks, Geld um seiner selbst zu vermehren.
Ab 19.00
Mitgliederversammlung des Vereins für kritische Gesellschaftswissenschaften

Sonntag, 9. Oktober

10.00 – 12.30 Uhr
Daniel Späth: Querfront allerorten!
Die „Neueste Rechte“, die „Neueste Linke“ und die Eliminierung gesellschaftskritischer Transzendenz

Noch nicht lange ist es her, dass die fundamentale Krise des Weltkapitals in den westlichen Zentren eine Vereinheitlichung der neoliberalen Krisenideologie hervorbrachte, die dem warenästhetischen Abstraktum der totalitären Wertform korrespondierte: Kein konservativer Kulturpessimist, der nicht doch die Weihen der Globalisierung goutierte, keine christliche Demokratin, die nicht den Zwängen der Krisenvergesellschaftung das Wort geredet hätte und kein linksradikaler „Herrschaftskritiker“, dessen traditionsmarxistische Beschränktheit nicht scheinbar reibungslos den frühpostmodernen Lebensstil in sich aufgesaugt und zur sowohl sozialpsychologischen wie theoretischen Axiomatik verinnerlichte hätte. Das „Ende der Geschichte“ (Fukuyama) hinterließ einen demokratischen Massentypus, der sich, aller Sorge um Differenzen und Distinktionen zum Trotz, dabei in Lebensstil und Haltung glich wie ein Ei dem anderen.

Doch die Zeiten haben sich geändert, weil eben auch die warenproduzierend-patriarchale Krisendynamik eine Geschichte hat. Mit der Finanzkrise 2008 und der aus ihr resultierenden Staatsschuldenkrise ist der objektivierte Entwertungszwang nun auch den westlichen Mittelschichten gehörig auf die Pelle gerückt, weshalb der Spielraum ihrer verleugnenden Dekonstruktion schlicht obsolet geworden ist. Die wohl signifikanteste Folge dieses postmodern-immanenten Bruchs in den westlichen Zentren ist das Aufkommen eines europäischen und deutschen Neofaschismus, dessen gleichsam sprunghafte Konsolidierung zu diversen Massenbewegungen die neoliberale Apathie sich nicht einmal in ihren kühnsten Träumen hätte ausmalen können. So massenhaft die demokratischen Ich-Attrappen dabei den frühpostmodernen Neoliberalismus voll mitgemacht und durchgesetzt haben, so einhellig ist nun angesichts der Staatsschuldenkrise die Kritik an ihm; sei es nun von konservativer, christlich-demokratischer, linksradikaler oder eben neofaschistischer Seite.

Die sich im Zuge der verschärften Krisendynamik herauskristallisierenden Querfront-Tendenzen übergreifen unterdessen alle politischen Lager, wobei vor allem die Linke einmal mehr ein besonders trauriges Zeugnis dafür liefert wie man/frau sich als massendemokratische Manövriermasse dem völlig unbegriffenen Zeitgeist anzuschmiegen habe. Folgerichtig haben sich seit der Entstehung von „AfD“, „Pegida“ und den „Montagsmahnwachen“ verschiedene Querfrontstränge zwischen Linksradikalismus und Neofaschismus in Deutschland herauskristallisiert, deren Rekonstruktion den wesentlichen Schwerpunkt des Vortrags bilden wird. Dabei wird sich herausstellen, dass es gerade die von linker Seite in monotoner Affektivität zurückgewiesene radikale Krisentheorie ist, die nicht nur das Aufkommen des Neofaschismus aus dem objektivierten Krisenverlauf selbst zu erklären, sondern auch die Querfronttendenzen zwischen rechts und links begrifflich zu bestimmen vermag.

Zum Tagungsort

Anreise

Mit der Bahn:
Mit dem Pkw:

Teilnahmekosten pro Person mit Übernachtung und Verpflegung
Freitag bis Sonntag:

Ermäßigung

Anmeldung:

Roswitha Scholz für die EXIT!-Redaktion




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