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Tomasz Konicz: Kapitalismus mit menschlicher Fratze [de, pt]


Translations: CAPITALISMO DE ROSTO HUMANO

Leicht gekürzt erschienen in KONKRET 07/2016

Tomasz Konicz

Kapitalismus mit menschlicher Fratze

Alles wird wieder gut – wenn nur alle gut werden. Dies ist in etwa die Logik, die hinter all den Organisationsansätzen, Initiativen, Gesetzen und Ideologien zu finden ist, die einen ethischen Kapitalismus, einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz erkämpfen wollen. Kaum ein Konzern kommt ohne Verweis auf ethische Praktiken bei der Herstellung seiner Produkte aus, während eine unübersichtliche Fülle von Labels, Zertifikaten und Standards dem Verbraucher in den Zentren versichern soll, dass sein Konsum nicht mit Ausbeutung oder Ressourcenraub in der Peripherie erkauft wurde.

Neben dem bekannten Fair-Trade-Siegel, das einen fairen Handel durch höhere Verdienste der Produzenten (etwa bei Schokolade) in der „Dritten Welt“ verspricht, können ethisch gesinnte Konsumenten auch nach Kleidung Ausschau halten, die von der Fair Wear Foundation zertifiziert wurde. Ihr Siegel soll die Einhaltung fairer und „menschenwürdiger Arbeitsbedingungen“ in der Textilindustrie der Peripherie garantieren – was ja angesichts der barbarischen Zustände etwa in Bangladesch oder Kambodscha tatsächlich einem revolutionären Umbruch gleichkäme. Fair gehandelte Naturprodukte wie Obst, Gemüse, Blumen oder Kräuter garantieren Zertifikate wie „Fair Flowers Fair Plants“, „FairWild“, „Flower Label Program“, oder das Siegel der „Rainforest Alliance“.

Der Trend zur Fairness ist längst im Mainstream angekommen: Fast alle Ananas und Bananen in deutschen Supermärkten tragen bereits solche Nachhaltigkeitssiegel. Leverkusen bemüht sich derweil, als „Fairtrade-Town“ zertifiziert zu werden, indem eine bestimmte Quote von Fairtrade-Produkten in den Geschäften und Gastronomiebetrieben der Stadt erreicht wird. Der Umsatz der Fairness-Branche explodierte in der vergangenen Dekade gerade zu: von 72 Millionen 2005 auf 978 Millionen in 2015.

Längst ist auch die deutsche Bio-Branche auf den Zeitgeistzug des „fairen Kapitalismus“ aufgesprungen. Das Bio-Siegel „Naturland“ wurde mit Vorschriften zur Einhaltung von sozialen und arbeitsrechtlichen Standards erweitert, die nun das Label „Naturland Fair“ garantiert. Die Rapunzel Naturkost GmbH pflegt das Siegel „Hand-In-Hand“, das ebenfalls menschenwürdige Arbeitsbedingungen garantieren soll. Für nahezu alle Produktgruppen gibt es „faire“ Siegel, die nicht nur von der Bio-Branche gefördert werden. Besteht etwa Interesse an fair gehandelten Steinen? Das 2005 gegründete XertifiX-Siegel garantiert, dass bei den zertifizierten Steinbrüchen keine Kinderarbeit verwertet wird und soziale wie arbeitsrechtliche Mindeststandards eingehalten werden.

Bei dieser Bewegung zu einem ethischen Kapitalismus handelt es sich keineswegs bloß um eine billige Werbekampagne. Selbstverständlich gibt es den üblichen Etikettenschwindel, den zuletzt etwa die NGO Oxfam bei den Betrieben der Rainforest Alliance aufdeckte, wo ausgebeutete Arbeiter und Gewerkschaftler eingeschüchtert und massiv Pestiziden ausgesetzt werden. Dennoch ist der Betrug in der Fairness-Branche keineswegs die Regel, die Bewegung ist real. Die Bauern oder Plantagenbesitzer, die das Glück haben, in der Peripherie etwa im Rahmen des Fair Trade Programms ihre Agrarprodukte absetzen zu können, haben dank der garantierten „fairen“ Mindestpreise tatsächlich bessere Marktpositionen als ihre Konkurrenten, die auf dem freien Markt bestehen müssen.

Das heißt aber natürlich nicht, dass bei Fair-Trade-Plantagen die Arbeiterinnen oder Tagelöhner, die dort ackern, tatsächlich immer höhere Löhne erhalten müssen, wie die Umwelt-Sozialwissenschaftlerin und Buchautorin Sarah Besky in einem Zeitungsinterview am Beispiel Indiens ausführte: „Wir Konsumenten denken, dass Arbeiter mehr Geld verdienen müssen, weil wir ja im Supermarkt mehr für Fairtrade-Produkte bezahlen. Aber auf der Plantage ist das nicht der Fall. Wenn jemand mehr verdient, dann der Plantagenbetreiber. Die Löhne sind je Bundesstaat in Indien für alle Plantagenarbeiter dieselben, weil sie gesetzlich festgelegt sind.“ Es mache überhaupt keinen Unterschied, ob die Arbeiterinnen auf einer Bio-Plantage oder einer Fairtrade-Plantage arbeiteten, man verdiene überall dasselbe. Es kommt somit darauf an, wie die Fairness-Branche den Begriff „Produzent“ definiert.


Selbstverständlich liegt die „Welt“ hier falsch. Es ist eine dumpfe, unbewusste Projektionsleistung, die all jene moralisch degenerierten Reaktionäre aus dem Umfeld der Neuen Rechten vollführen, die auf diese Weise ihre eigene charakterliche Schäbigkeit und ihren grenzenlosen Opportunismus zum Naturgesetz menschlichen Zusammenlebens adeln wollen. Das Kapitalverhältnis – das über die Marktsubjekte in der Form der berüchtigten Sachzwänge herrscht, obwohl sie es selber alltäglich buchstäblich erarbeiten – ist ein selbstbezüglicher, blinder Prozess, der nur die höchstmögliche und sicherste Verwertung zur einzigen Maxime hat. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Realabstraktion, angetrieben von einer destruktiven Eigendynamik, bei der abstrakte, „tote“ Arbeit durch alle Formwechsel hindurch (Geld, Ware, Lohnarbeit) akkumuliert wird. Deshalb ist das Kapital blind für die gesellschaftlichen Folgen seiner uferlosen Selbstvermehrung, Kategorien wie „gut“ und „böse“ kennt es nicht. Rendite kann mit Handgranaten, Kükenschreddermaschinen und auch fair gehandeltem Kaffee erzielt werden – wenn nur die entsprechende Marktnachfrage gegeben ist.

Es gehört folglich zu den Basics radikaler, an die Wurzel gehender Kapitalismuskritik, den Glauben an die Möglichkeit eines „Kapitalismus mit menschlichem Antlitz“ als Illusion zu überführen. Es sind nicht die Profite durch „böse“ Investments, die die Welt in ein Höllenloch verwandeln, sondern die durch uferlose Profitmacherei ausgelöste globale Verwertungsdynamik, die für Menschen- und Umweltvernichtung verantwortlich ist. Für gewöhnlich sind es ja tatsächlich spritfressende Automonster, Handgranaten und Kükenschreddermaschinen, mit denen im Kapitalismus Rendite gemacht wird. Doch bestehen zumindest in den Zentren des Weltsystems noch profitable Nischen, in denen auch mit hochpreisigen, „fairen“ Produkten Rendite erzielt werden kann. Denn um nichts anderes handelt es sich bei der Fairness-Branche, die nicht zufällig gerade in der BRD expandiert, die als großer Krisengewinner in einem rasch verelendenden Europa gilt. Fair Trade, das ist das Label für eine sozial- und umweltbewusste Mittelklasse, die sich dieses Surrogat eines guten Gewissens auch leisten kann. Doch schon die Unterschicht in der BRD kann dieses Feel-Good-Feeling nicht mehr käuflich erwerben.

In der gegenwärtigen kapitalistischen Systemkrise gewinnen zwei gegenläufige Tendenzen an Dynamik. Einerseits hält selbst der linke Flügels der Fairness-Branche die Erzielung von Renditen – also die Realisierung der Verwertungsbewegung des Kapitals – für eine Selbstverständlichkeit. Und andererseits nimmt zur Beschwichtigung eines eher mentalen Unwohlseins das Bedürfnis nach „guten“ Investments zu, das Reaktionären aller Couleur den Schaum vor den Mund treten lässt. Beide ideologischen Tendenzen stehen in Wechselwirkung mit der Krisendynamik. Da die zunehmenden Krisenerscheinungen und Verwerfungen nicht auf die eskalierenden inneren Widersprüche des – als „natürlich“ imaginierten – Kapitalverhältnisses zurückgeführt werden können, müssen „böse“ Taten für all das Böse in der Welt verantwortlich gemacht werden. Nicht in der (naturalisierten) Verwertungsbewegung des Kapitals wird die Ursache des um sich greifenden Elends und des drohenden zivilisatorischen Zusammenbruchs erkannt, sondern die Profite mit ethisch bedenklichen oder verwerflichen Produkten und Dienstleistungen werden als Quell allen Übels imaginiert. Die Ausbeutung der Ware Arbeitskraft, die der Wesenskern des Kapitalverhältnisses ist, scheint in dieser Ideologie nur bei evident ethisch verwerflichen Arbeitsbedingungen vorzuliegen. Es handelt sich hierbei um ein Paradebeispiel verkürzter linker Kapitalismuskritik, die vor einer radikalen Hinterfragung der grundlegenden Kategorien, Institutionen und Vermittlungsebenen kapitalistischer Vergesellschaftung zurückschreckt.

Die Diskrepanz zwischen dem moralischen Impuls einiger Subjekte und der autodestruktiven Eigendynamik des Systems lässt sich sehr schön an den Besserungsschwüren aus Politik und Finanzwirtschaft ablesen, die nach dem Ausbruch der Weltfinanzkrise 2008 einsetzten, als die Immobilienblasen in den USA und Europa platzten und die Welt am Rande einer Kernschmelze des Weltfinanzsystems stand. Politik und Banken schworen damals unisono, mit der Schuldenmacherei zu brechen und die Finanzmärkte jetzt aber wirklich streng an die Kandare zu nehmen. Ein Beispiel von vielen aus dieser reuevollen Zeit: Stephen Green, langjähriger Vorstandsvorsitzender der HSBC, outete sich in einem „FAZ“-Interview von 2009 als bekennender Christ, der für einen „ethischen Kapitalismus“ kämpfen wolle. Denn schließlich sei Geben seliger als Nehmen: „Erfüllung erfährt erst, wer gibt. Dies steht nicht nur in der Bibel,“ so der Chef einer der größten Investmentbanken der Welt. Nachdem die globale Finanzbranche die milliardenschweren staatlichen Bailouts, nun ja: genommen hat, ist der globale Schuldenberg um läppische 57 Billionen US-Dollar angestiegen (Zeitraum: 2007 bis 2014), während das Weltfinanzsystem sich in einer abermaligen gigantischen Spekulationsblase verfangen sieht. Ähnlich verhält es sich mit den Bemühungen, einen ökologisch nachhaltigen, „grünen“ Kapitalismus aufzubauen, die durch den permanenten und ungebremsten Anstieg der CO2-Konzentration in der Atmosphäre als bloßes Wunschdenken demaskiert werden.


Dabei entsteht der Anschein, die Akkumulation von Kapital würde wiederum einem jenseitigen, einem religiösen Zweck dienen. Durch wirtschaftlichen Erfolg will der Gläubige herausfinden, ob ihm im Rahmen der Vorherbestimmung des Universums die göttliche Gnade zuteil wird. Die Akkumulation von Reichtum erfolgt also nicht zu dem Zweck, dessen Früchte zu genießen und zu „verprassen“, wie es die Sklavenhalter der Antike oder der vom Bürgertum verachtete Adel machten. Der frühe Protestantismus – und insbesondere der Calvinismus – verabscheute den sinnlichen Genuss der materiellen Früchte der lebenslangen Rafferei, zu der er seine Gläubigen verdammte. Die Akkumulation des Kapitals erschien als ein religiös begründeter Selbstzweck, der mit Verzicht, mit Askese und harter Arbeit einherging. Es sei diese protestantische Ethik von Arbeit, Selbstdisziplin und religiös motivierter Anhäufung von Reichtum gewesen, der sich hierdurch sukzessive in Kapital wandelte, die den Take-off des Kapitalismus im frühneuzeitigen Europa beflügelte, so argumentierte bekanntlich vor allem der Soziologe Max Weber in seiner berühmten Schrift Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus.

Diese Ethik eines aufopferungsvollen Dienstes an der vom Willen der Marktsubjekte entkoppelten Verwertungsbewegung des Kapitals ist allen Säkularisierungsschüben zum Trotz auch im Spätkapitalismus erhalten geblieben, der in seiner finalen Systemkrise immer mehr den Charakter einer säkularisierten Religion, einer „gesellschaftlichen Selbstmordsekte“ (Robert Kurz) annimmt. Lohnarbeit und allgemein Markttätigkeit werden gesamtgesellschaftlich immer noch – zumeist unbewusst – für sakrosankt gehalten. Bei den evangikalen US-Sekten wird dieser Zusammenhang zwischen ökonomischem Erfolg und Gotteserwähltheit mitunter auch heutzutage noch explizit formuliert. Deswegen kann sich ja der Kapitalismus eine Ethik, „seine“ Ethik leisten, die letztendlich eine Ethik der entfremdeten Lohnarbeit, eine Ethik der Unterwerfung unter die Heteronomie des Kapitalverhältnisses ist.

Das heißt natürlich nicht, dass die Charaktermasken, die ökonomische oder organisatorische Funktionen innerhalb dieses Verwertungsprozesses erfüllen, keine Schuld auf sich laden können. Gerade der Marxsche Begriff des „automatischen Subjekts“, der nicht nur auf gesamtgesellschaftlicher Makroebene die subjekthafte Eigenbewegung des Kapitals benennt, kann das Verhältnis zwischen individueller Schuld und Systemzwang erhellen. Auf der Mikroebene des Subjekts macht er klar, dass der Automatismus der Verwertungsbewegung durch das Subjekt bewusst exekutiert werden muss, das folglich für seine subjektiven Taten voll verantwortlich ist.

Verantwortliches Handeln kann jedoch nicht mit einer bürgerlich-kapitalistischen Ethik gleichgesetzt werden. Anders wäre die tatsächlich gegebene gesellschaftliche Empörung über die Exzesse und Absurditäten des Kapitals nicht zu erklären, die zur Geschäftsgrundlage der Fairness-Branche wurde und ja auch den ersten Impuls einer antikapitalistischen „Politisierung“ auslöst. Die Fähigkeit, zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können, resultiert aus der Empathiefähigkeit des Menschen, mit der Ungerechtigkeiten, Leiden und Schmerzen nachempfunden werden können. Es ist ein Schutzmechanismus, der alle Taten tabuisiert, die das Subjekt selbst nicht erleiden will. Dies ist letztendlich eine Grundbedingung des menschlichen Zivilisationsprozesses, die das Kapital seinen ausgebrannten Subjekthülsen in seiner lethalen Krise durch enthemmten Konkurrenzterror auszutreiben versucht – was unter anderem im Hass der Neuesten Rechten gegen alle „Gutmenschen“ zum Ausdruck kommt.




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