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Daniel Späth: Liberalismus in der Fundamentalkrise: Eine Kritik der „Postwachstumsbewegung“


In veränderter Form unter dem Titel „‚Postwachstum‘ oder die Krise der Vernunft – zu einem Syndrom liberaler Fortschrittslosigkeit“ in Phase 2 Nr. 49/2014 erschienen.

Daniel Späth

Liberalismus in der Fundamentalkrise:
Eine Kritik der „Postwachstumsbewegung“

Liberalismus und Zinskritik

„Wer es sich in der wattierten Nonstop-Rundumversorgung gemütlich gemacht hat, kann nicht zugleich die Souveränität eines Individuums bewahren, das seine Ansprüche nur an jene Möglichkeiten bindet, die nötigenfalls durch eigene Leistungen reproduziert werden können.“ 1

„Wattierte Nonstop-Rundumversorgung“ – diese gesellschaftliche Zustandsbeschreibung Niko Paechs, dem spiritus rector der Postwachstumsbewegung, zielt keineswegs auf die utopische Antizipation einer befreiten Gesellschaft; im Gegenteil handelt es sich dabei um eine Illustration des Krisenkapitalismus Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Mögen diese Phrasen Paechs ihre Existenz mitunter einer professoralen Hypostasierung des eigenen partikularen Standpunkts verdanken, dessen „wattierte Nonstop-Rundumversorgung“ unterdessen selbst sukzessive am Erodieren ist und zunehmend in prekäre Beschäftigungsverhältnisse abgleitet, kann die zum Ausdruck gebrachte Verblendung gegenüber der herrschenden Armut und Verelendung dennoch nicht alleine aus diesem subjektiven Bezugsfeld heraus erklärt werden. Immerhin manifestierte sich mit der Postwachstumsbewegung in den letzten Jahren eine politische Gruppierung, die ebenso in linksradikalen wie akademischen Milieus zu reüssieren weiß.

Einen ersten Eindruck hinsichtlich der inhaltlich-politischen Grundpfeiler der durchaus divergenten Postwachstumsbewegung kann dabei die wichtigste theoretische Referenz ihrer AutorInnen geben. So beziehen sich Niko Paech und Irmi Seidl in ihren Schriften des öfteren auf Silvio Gesell, den bekannten Zinskritiker, dessen Hauptwerk Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld zwischen einer ordoliberalen Doktrin und anarchistischer Naturemphase oszilliert. Und tatsächlich eignet Segmenten der Postwachstumsbewegung ein durchaus liberales Verständnis im Sinne eines „Manchesterkapitalismus“, was noch mehr auf Zahrnt als auf Paech zutrifft2. Da nun die sogenannte Zinskritik bekanntermaßen immer schon eine offene Flanke zum Antisemitismus anbietet, wird damit allerdings auf einen Zusammenhang Licht geworfen, der auch bei Kritischer Theorie – von der Dialektik der Aufklärung bis in die aktuellen Auseinandersetzungen hinein – eher im Dunkeln bleibt: Auf den Zusammenhang von Liberalismus und Antisemitismus.

Diese ideologiekritische Leerstelle des Linksradikalismus ist über den zweifelsohne noch heute eminent wichtigen Aufsatz Moishe Postones „Antisemitismus und Nationalsozialismus“ vermittelt. In ihm leitet Postone antisemitische Ideologiebildung aus der Wertform dergestalt ab, dass er den für sie konstitutiven Widerspruch zwischen ihrer „abstrakten“ (Geld, Weltmarkt etc.) und „konkreten Erscheinungsform“ (Arbeit, Produktion, Ware) als Grundstruktur antisemitischer Ideologie auffasst. Denn, so Postone, die dem Wert eigentümliche Spaltung einer scheinbar natürlichen Sphäre des Kapitals, die von einer scheinbar abstrakten überformt werde, ist bloßer Schein, da die Substanz des Kapitals, „abstrakte Arbeit“ (Marx), in der Produktion selbst eine reale Abstraktion erfährt, die den stofflichen Inhalt der gesellschaftlichen Arbeit zum bloßen Darstellungsmedium jener Substanz degradiert. Die Aufspaltung zwischen verwurzelter Produktion und artifizieller Zirkulation, so Postones Fazit, stellt sich für den Antisemitismus als konstitutiv dar, sofern er letztere im Sinne ersterer als jüdisch denunziert.

Soerhellend Postones ideologiekritische Analyse auch ist, wohnt ihr dennoch ein weitreichender Fehlschluss inne, der auch im Linksradikalismus zum eingefleischten Selbstverständnis wurde: Denn das Ausspielen von „naturwüchsiger Produktion“ versus „abstrakter Zirkulation“ sei eine genuine Bedingung des völkischen Denkens, fetischisiere den konkreten Pol („völkische Arbeit“) und bewege sich damit immer schon in strukturell antisemitischer Ideologiebildung. Aus der Schusslinie genommen wird damit jedoch implizit das liberale Aufklärungsdenken, besetze dieses die abstrakte Seite des Kapitals (die Zirkulation) positiv, wodurch es vor antisemitischer Ideologiebildung zumindest tendenziell imprägniert sei. Dass der Antisemitismus, ja sogar der Antizionismus in Wahrheit konstitutiv mit der Aufklärungsvernunft vermittelt ist, das zeigt sich nicht nur bei Kant3 und Hegel4, sondern auch bei jenem Theoretiker, der für die Postwachstumsbewegung eine gewichtige Rolle spielt: Silvio Gesell.

Gesells Theorie weist sich nun neben der offenen Apologie eines Manchesterkapitalismus dadurch als liberal aus, dass er, ganz in der Tradition der Aufklärungsphilosophie, die Zirkulation als Hort des gesellschaftlichen Fortschritts affirmiert. Der Wert bzw. der Preis gilt ihm als ein Gedankenurteil der Geldbesitzer über die auf dem Markt zirkulierenden Waren, wobei diese gedankliche Abstraktionsleistung den rohen Nahrungstrieb der Subjekte sublimiere und zu einer versittlichten Bedürfnisstruktur der Individuen führe. Zwar affirmiert Gesell im Sinne Postones tatsächlich die „abstrakte Seite“ des Kapitals, die Zirkulation, allerdings basierend auf einer seinerseits konkretistischen Reduktion derselben: Der Wert bzw. der Preis ist schließlich keineswegs eine bloß gedankliche Abstraktion an der Zirkulationssphäre, sondern eine reale Abstraktion in der Produktion selbst. Damit mündet Gesells Analyse in derselben dichotomischen Aufspaltung von „abstrakt“ und „konkret“ wie das völkische Denken; nur eben nicht mehr vom Standpunkt der naturalisierten Produktion, sondern von demjenigen der Zirkulation aus.

Demnach bewegt sich Gesell in einer strukturell antisemitischen Argumentationsform, denn die Realisierung des gedanklichen Werturteils im Tauschakt wird für ihn durch die scheinbar abstrakte Dignität des Geldes konterkariert. Der Wille des Warenbesitzers werde durch die Stofflichkeit seines Produkts zum sofortigen Tauschakt gezwungen: „Die Ware befiehlt, duldet keinen Widerspruch; der Wille des Warenbesitzers ist so machtlos, daß wir ihn füglich unberücksichtigt lassen können. Bei der Nachfrage dagegen kommt der Wille des Geldbesitzers zur Geltung; das Geld ist gefügiger Diener seines Herrn.“5 Das Geld hingegen, nicht-stofflich und damit nicht-vergänglich, ermögliche den freien Willensakt, der es vom Markt zurückziehen und zu horten erlaube; eine Möglichkeit, die ob der stofflichen Vergänglichkeit seiner Produkte dem Warenbesitzer nicht zur Verfügung steht: „Geld, das wie eine Zeitung veraltet, wie Kartoffeln fault, wie Eisen rostet, wie Äther sich verflüchtigt, kann allein sich als Tauschmittel von Kartoffeln, Zeitungen, Eisen und Äther bewähren.“6 Da der Wertbegriff für Gesell ein bloßes Gedankenurteil über das im Warenstoff inkorporierte Bedürfnis abgibt, muss auch das Geld gewissermaßen „verstofflicht“, d.h. demselben Vergänglichkeitsprozess untergeordnet werden wie die Ware. Mit dieser Theorie des „Freigelds“ werde schließlich der Zins abgeschafft, da er seinen Ursprung in jenem freien Wille des Geldbesitzers zur Hortung habe, der dem zum Tausch verdammten Warenbesitzer auf diese Weise einen „Aufpreis“ aufzwingen könne.

Postwachstum und struktureller Antisemitismus

An dieser Vorstellung eines „Frei- oder Schwundgelds“ setzt auch der wohl bekannteste Autor der Postwachstumsbewegung, Niko Paech, an. Für ihn besitzt die Krise ihren Ursprung in sich verselbstständigenden Wachstumstreibern, denen Einhalt geboten werden müsse, damit die Individuen wieder ihrem „menschlichen Maß“7 entsprechend zu produzieren in der Lage seien. Dabei differenziert Paech zwischen „ökonomischen“ und „symbolischen“ Wachstumstreibern, wobei beide Ebenen in seiner Theorie letztlich konvergieren. Als ökonomischer Wachstumstreiber gilt ihm im Sinne Gesells zuvorderst der Zins; eine Konsequenz der zirkulationsideologischen Verkürzung, die den Wertbegriff alleinig auf den Prozess des Kaufs und Verkaufs reduziert, wodurch die ohnehin ontologisierte Produktion eigentlich obsolet wird: „Kein Wunder, dass der Terminus „Produktion“ längst dem allgemeinen Begriff der „Wertschöpfung“ gewichen ist. Denn ökonomische Werte (...) entstehen längst nicht mehr durch menschliche Verrichtungen im physischen Sinne, sondern eher als Resultat symbolischer Handlungen, denen (...) schlicht ein monetärer Wert zugewiesen wird.“8

Analog zu Kant und Gesell fasst Paech den Wert als ein bloßes Gedankenurteil („Wert zuweisen“), der mit „Verrichtungen im physischen Sinne“ nichts mehr zu tun habe, nunmehr jedoch postmodern überformt, da die gesellschaftliche Implosion der „objektiven Gedanken- und Daseinsformen“ (Marx) sich im Begriff befindet in die objektivierte Willkür abzugleiten. Dem postmodernen Anti-Objektivismus und Anti-Essentialismus entsprechend desavouiert sich Paech als Positivist durch und durch: Um den Zins als primären ökonomischen Wachstumstreiber auszugeben, veranschaulicht er das Problem an „ein(em) extrem schlichte(n) Zahlenbeispiel“9: Dafür konstruiert er im Sinne des methodologischen Individualismus eine „Mini-Ökonomie“, bestehend aus einem Konsumgüterproduzent, einer unbestimmten Anzahl an ArbeiterInnen sowie „Anbietern weiter Inputfaktoren“. Weil die Angebotsseite (Konsumgüterproduzent) einen Gewinn erwirtschaften muss, fehle auf der Nachfrageseite (Lohn der ArbeiterInnen als Konsum) ein gewisser Betrag, um die Konsumgüter zu kaufen.

Das bedeute jedoch, dass der Konsumgüterproduzent in der folgenden Produktionsperiode noch mehr Kapital investieren müsse, könne nur auf diese Weise die Nachfragelücke geschlossen werden – mit der dann logischen Folge, dass der Differenzbetrag zwischen Angebot und Nachfrage nur noch größer würde, sei der Gewinn immer noch notwendige Voraussetzung auch der neuen Produktionsperiode. Weil für Paech der Gewinn indes hauptsächlich im Zins besteht, entstehe durch die sich ausweitende Kluft zwischen Angebot und Nachfrage eine durch Kredit- und Zinsketten induzierte Spirale exponentiellen Wachstums, da der Differenzbetrag auf beiden Seiten (Konsumgüterproduzent und KonsumentInnen) „durch Fremdkapital finanziert werden“ muss, „für das Zinsen zu entrichten sind.“10 Wie für Gesell erscheint der Wertbegriff bei Paech auf der Oberflächenbewegung von Kauf und Verkauf, als bloßes Urteil, das an seiner Realisierung vom Willen der Geldbesitzer behindert werde, die auf ihre „unvergängliche Ware“ einen Aufpreis (Zins) erzwingen würden. Allerdings kristallisiert sich im Vergleich zur Gesell’schen Zinskritik bei Paech eine nicht unwesentliche Differenz heraus: Stand bei Gesell der Zins einem Wachstum des Kapitalismus noch im Weg, fungiert er im Sinne Paechs gerade im Gegenteil als „Wachstumstreiber“, worauf zurückzukommen sein wird.

Natürlich wissen die AutorInnen der Postwachstumsbewegung von dem tradierten Zusammenhang von Zinskritik und antisemitischer Ideologiebildung, nicht zuletzt, weil sie in diesem Punkt bereits einer Kritik von Seiten „Kritischer Theorie“ unterzogen wurden. U.a. Jutta Ditfurth, Peter Bierl und Robert Kurz kritisierten das Umfeld der späteren Postwachstumsbewegung ob seiner Verharmlosung antisemitischer Ideologiebildung, worauf Paech sodann reagierte. Er hebt in seiner „Replik auf Vorwürfe gegen das Archiv der Stiftung für Reform der Geld- und Bodenordnung“ darauf ab, die Kategorie des strukturellen Antisemitismus in den Gegensatz von „wissenschaftlichem Gehalt“ der Theorie Gesells einerseits und dessen persönlicher „Gesinnung“ andererseits aufzuspalten: „Die Grundideen zur Zins-, Geld- und Bodenreform von Gesell sind ebenso wenig faschistisch wie die Schumpetersche Innovationsforschung, das Design des VW-Käfers oder der von Hermann Göring aufgegriffene Naturschutzgedanke. Sich dieser Ideen anzunehmen, bedeutet nicht, die politische oder weltanschauliche Position ihrer Schöpfer zu übernehmen.“

Die Unfähigkeit, die Vermittlung zwischen ökonomischer und sozialpsychologischer Dimension des Antisemitismus zu bewältigen, gründet in Paechs postmodernen Prämissen, die erstere in letztere auflöst, wodurch das strukturelle Moment antisemitischer Denkformen notwendigerweise verfehlt werden muss: Die ökonomische Verkehrung der Fundamentalkrise in eine zinsinduzierte Verschuldungskrise, die in Wahrheit wesentlich auf einer Krise der Produktions- und Lebensweise selbst beruht und auf der Oberfläche von Marktprozessen lediglich als Finanzkrise erscheint, ist erstens theoretisch völlig falsch und zweitens alles andere als eine neutrale Frage der „Kritik der politischen Ökonomie“.

Seit dem 18. Jahrhundert und der aufklärungsideologischen Theorie bildete sich die verkürzte Kritik eines bornierten Warenstandpunkts gleichursprünglich mit der antisemitischen Konnotation des Geldes heraus, wobei der Antisemitismus den Kulminationspunkt jener regressiv verarbeiteten Leiden am „warenproduzierenden Patriarchat“ (Roswitha Scholz) darstellt. Wenn auch nicht jeder Zinskritiker Antisemit ist, verbindet doch jeder Antisemit den Zins (bzw. das Finanzkapital) mit der „jüdischen Weltverschwörung“. Spätestens nach Auschwitz ist die akademische Operationalisierung einer „neutralen Wissenschaft“, die sich einer unlauteren „Gesinnung“ gegenübersieht, als antijüdische Rationalisierung zu dechiffrieren; jede Koketterie mit einer strukturell antisemitischen Zins- und Finanzmarktkritik verbietet sich für radikale Gesellschaftskritik von Grund auf. Dass der alte wertkritische Objektivismus mittlerweile in solch trüben Gewässern fischt, verweist nur auf dessen ideologische Zersetzung, die sich allerdings bereits in der Ablehnung von Wert-Abspaltungs-Kritik und der damit einhergehenden Subjektkritik andeutete.11

„Survival of the fittest“ in Zeiten kapitalistischer Fundamentalkrise

Es wäre indes zu einseitig, wollte man/frau die Postwachstumsbewegung alleine mit dem allgemeinen Maßstab der Ökonomiekritik messen. Vielmehr drückt diese Bewegung eine sozialpsychologische Haltung aus, die einer vom Absturz bedrohten Mittelschicht ein Ventil bietet, ihre ideologische Verwilderung zu kanalisieren. Hinter der Vorstellung einer Rücknahme der Produktion in genossenschaftliche und Subsistenzwirtschaft durch „Geldpfuschereien“ (Marx) an der hypostasierten Zirkulation steht die panische Angst des Mittelschichtssubjekts, noch die letzten Pfründe zu verlieren; eine Angst, die der Kleinbürgerutopie eines Schrebergartenliberalismus bedrohliche Implikationen verleiht.

Abgesehen davon, dass der gesellschaftliche Vermittlungszusammenhang nicht einfach lokal und partikular aufgebrochen werden kann – insofern ist es nur konsequent, dass Warentausch sowie Staat in einer Postwachstumsökonomie immer noch zu existieren fortfahren sollen –, würde der Versuch, die Finanzmärkte zu regulieren und Produktion durch Selbstversorgung zu substituieren, die gesellschaftliche Produktion ruckartig stillstellen und zu einem Ausnahmezustand führen. Das „Gesundschrumpfen“ auf die „wahre Natürlichkeit“ des Menschen würde einen Sturz ins Bodenlose evozieren, exekutiert durch die Krisenverwaltung, welche sich offenbar auch für die linke Mittelschicht zunehmend als Option auftut.

Das zeigt sich an dem Unterschied zwischen Gesell und Paech: Berief sich Gesell noch positiv auf einen naturalisierten Wertbegriff als Apologie der Waren- gegen die Geldbesitzer (Rückführung der Ökonomie auf die menschliche Natur qua „Freiland und Freigeld“), gelingt dies dem postmodernen Krisensubjekt nicht mehr, da seine naturalisierte Verdinglichung als Subjekt der Wert-Abspaltungs-Vergesellschaftung auf die innere historische Schranke dieser scheinbaren „Natur“ trifft. Oder anders ausgedrückt: Erblickte Gesells „Natürliche Wirtschaftsordnung“ in der Zurückführung der Ökonomie auf die „Natur des Menschen“ durch die Abschaffung des Zinses noch die Bedingung der Möglichkeit zu erweiterter Akkumulation, suspendiert die Fundamentalkrise eine derartige Option, weshalb das Festhalten an Wachstum unter heutigen Bedingung durchaus mit dem Postulat einer wachstumslosen Gesellschaft konform gehen kann12. Während also Gesell sich noch auf die Seite des Warenbesitzers schlagen konnte, ist Paech hier jeder Boden unter den Füßen abhanden gekommen. Der ökonomische Wachstumstreiber des Zinses wird von dem kulturellen Wachstumstreiber auf der Nachfrageseite ergänzt, dem Konsum, der die Zinsabhängigkeit zusätzlich forciere.

Hinter dem Naturbegriff der Postwachstumsbewegung lauert so die Natur des ökonomischen Krisensubjekts, seine schiere Leiblichkeit als Arbeitskraftbehälter, wobei selbst diese mit dem Entwertungsprozess der gesamtgesellschaftlichen Wertsubstanz so überflüssig zu werden droht wie jene; „nacktes Leben“ (Agamben), dysfunktional geworden und in diesem Sinne „nicht tötbar, aber opferbar“. Was sich bei Paech in Zurückführung des ökonomischen (Zins) und kulturell-symbolisch definierten Werts (Konsum als Statussymbol) auf die „Natürlichkeit“ des Menschen anzeigt, ist ein Umschlagspunkt, vor dem der postmoderne Kulturalismus an sich in keiner Weise gefeit ist: Das Umkippen des kulturellen Happenings in den ausgeblendeten komplementären Pol der Naturalisierung. Die Dialektik „gesellschaftlicher Naturverhältnisse“ lässt sich einfach nicht dekonstruieren.

„Gesundschrumpfen“ ist demnach ganz wörtlich gemeint; es geht der Postwachstumsbewegung in der Tat um Leib und Leben. Da der Rückkehr zur Natürlichkeit

die Wiederherstellung von „Souveränität“ und „Eigenverantwortung“ korrespondiert, ist es in dieser negativen Utopie um all diejenigen, die sich dazu nicht in der Lage sehen, schlecht bestellt. Sofern das überflüssige „nackte Leben“ im Entwertungsprozess weiter an Gewicht gewinnen dürfte, macht sich im (linken) Mittelschichtsbewusstsein ein unterdessen gar nicht mehr stillschweigender Konsens breit, wer zu allererst vom „Überfluss befreit“ zu werden hat. Besonders unverhohlen geriert sich diesbezüglich der von Angelika Zahrnt und Irmga Seidel herausgegebenen Sammelband „Postwachstumsgesellschaft: Neue Konzepte für die Zukunft“. Vor allem Hans-Peter Studers Beitrag „Gesundheitswesen als kosteneffizientes Solidarsystem mit Eigenverantwortung“ durchbricht in dieser Hinsicht jede Hemmschwelle.

Hinsichtlich der Kostenfrage von Medikamenten und Krebsbehandlung macht Studer einen eigenartigen, aber nicht weniger eindeutigen Vergleich auf: „Der medizintechnische Fortschritt eröffnet (...) laufend neue Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten im Interesse der Gesundheit und Lebensqualität vieler Patientinnen und Patienten. Er hat jedoch nicht nur direkt, sondern auch indirekt seinen hohen Preis: Manche der medizintechnischen Errungenschaften inklusive neuer Medikamente bringen bei genauerem Hinsehen nur geringfügige oder gar keine Fortschritte mit sich. Sie erlauben zum Beispiel exaktere Diagnosen, ohne dass aber entsprechende Therapiemöglichkeiten vorhanden sind; oder eine Therapie zur Krebsbehandlung bringt lediglich (!) einen kleinen Zugewinn an Lebensmonaten, kostet jedoch Unsummen. Dennoch werden diese neuen Methoden und Verfahren (...) in einem Ausmaß eingesetzt, das manchem Patienten nicht wirklich nützt, sondern lediglich die Kosten in die Höhe treibt (!).“ Was bedeutet ein kleiner Zugewinn an Lebensmonaten schon angesichts der fehlenden Kohle?

Diese Grundsatzentscheidung getroffen, weist sich Studer als ausgemachter Lebensphilosoph aus, der die Frage nach Krankheit und Gesundheit mit dialektischer Raffinesse zu beantworten weiß. Schwarz gehört zu weiß, Licht zu Schatten und Krankheit könnte doch auch als Weg zur Gesundung betrachtet werden: „Einen wichtigen Ansatzpunkt hierfür stellt die Bildung dar. In Elternkursen (...) sowie an Bildungstagen für Erwerbslose (!) und in Integrationskursen für Ausländerinnen und Ausländer (!) sind in Theorie und Praxis die vielfältigen Möglichkeiten aufzuzeigen, wie die eigene Gesundheit aktiv gefördert werden kann. (...) Wichtig ist (...) zu erkennen, dass auch Krankheiten zum Leben gehören und dass sie sogar – wie im Falle von Fieber – dazu beitragen können (!), die Gesundheit zu stärken.“ Und die Moral von der Geschicht’ dieses liberalen Paternalismus mit rassistischen Anklängen? „Eine andere Einstellung zu Leben und Tod wird, wenn sie sich in der Bevölkerung verbreitet, ebenfalls dazu beitragen, die Gesundheitsleistungen und die damit verbundenen Kosten zu senken.“

Feminismus und Ökonomie: Zwischen feministischem Ökologismus und queerer Dekonstruktion

Konzentrierte sich bisher die immanente Rekonstruktion des Naturbegriffs im Sinne der Postwachstumstheorie auf die ontologisierte „Wertnatur“ des Zirkulationssubjekts, um deren paradoxe Zinskritik als Affirmation des Marktsubjekts zu desavouieren, das seine konstitutive Voraussetzung ausblendet, nämlich die Produktion und Verwertung „abstrakter Arbeit“, beharrte die Analyse ausschließlich auf der Ebene der „Kritik der politischen Ökonomie“, also innerhalb der androzentrischen Denkform. Wie der Wert jedoch nur durch die Abspaltung des inferior gesetzten Weiblichen zu bestehen vermag, eine gleichursprüngliche und auf derselben Abstraktionshöhe sich vollziehende gesamtgesellschaftliche Dialektik, kann sich auch die androzentrische Denkform alleinig nur durch die Abspaltung der „weiblichen Natur“ in ihrer rationalen Formiertheit erhalten. Wenn Paech die „Souveränität des Individuums“ beschwört, das in Schrebergärten und handwerklicher Selbstversorgung seine wahre Stärke zurückzugewinnen habe, klingt das androzentrische Selbstverständnis an, das die Postwachstumsbewegung beinahe in Gänze durchzieht. Weshalb feministische Kritik in der Postwachstumsbewegung ein Anathema ist – bis auf eine Ausnahme.

Abermals reiht sich die Postwachstumsbewegung dadurch in eine liberale Tradition ein, deren Naturbegriff auf der Beherrschung derselben beruht, wobei die zwanghafte Herrschaft über Natur, wie sie androzentrische Denkformen auszeichnet, mit einem abgespaltenen weiblich codierten Naturbegriff kategorial vermittelt ist, dessen „Unbezähmbarkeit“ und „Irrationalität“ auf seinen projektiven und verdrängten Charakter verweist. So fügt sich z.B. der scheinbar geschlechtsneutrale Naturbegriff der kantischen Transzendentalphilosophie in die sexistischen Attacken des Aufklärers ein13, ja ist ohne jene gar nicht zu verstehen, sowie die Wiederherstellung der Natur des Wertsubjekts durch „Freigeld“ und Zinsverbot bei Gesell ebenfalls mit der Reduktion von Frauen auf reine Gebärmaschinen korreliert, deren Lebensunterhalt durch eine staatliche Rente gesichert werde. Wenngleich derartige Sexismen in der Postwachstumsliteratur nicht auftreten, verweist die Vernachlässigung der Reproduktion und die wertförmige Verkürzung des Naturbegriffs dennoch auf ihren naturbeherrschenden und androzentrischen Unterbau.

Dieser Umstand wurde alsdann von besagter Ausnahme einer Kritik unterzogen, ein Sammelband der AG Gender Attac, der den Titel Schneewittchen rechnet ab. Feministische Ökonomie für anderes Leben, Arbeiten und Produzieren trägt. Wenngleich die Texte dieses Bandes sowohl die Ausblendung des Reproduktionsbereichs als auch die Subjektvorstellung eines „lonely heroes“ kritisieren, wie er einer Konsumkritik nicht selten zugrunde liegt, bleibt ihr Gehalt in Bezug auf eine „feministische Ökonomie“ größtenteils unklar. Der aus einer Tagung hervorgegangene Band kombiniert Interviews, Darstellungen künstlerisch gestalteter Tagungspunkte, Gedichte und Podiumsdiskussionen; ganz bewusst selbstverständlich, um der Heterogenität und Vielfalt der TeilnehmerInnen gewissermaßen performativ gerecht zu werden. Eine Formvielfalt, die sich in den inhaltlichen Positionen der Autorinnen widerspiegelt, die eine Bandbreite von ökologischem Feminismus (u.a. Christa Wichterich) über Queer-Feministinnen bis hin zu an „critical whiteness“ orientierten Feministinnen umfasst. Schon die Form des Sammelbandes konterkariert somit das Bestreben einer theoretischen Analyse und reiht sich damit in das „Abstraktionstabu im Feminismus“ (Roswitha Scholz) ein, dessen weithin postmoderne Durchsetzung auch im Linksradikalismus weiter um sich greift. Sondiert man/frau die wenigen Beiträge, die dem Titel des Bandes gerecht werden, von den existenzialistisch-alltagsfetischisierenden und performativ-künstlerischen, so tritt in ihnen jene Schwierigkeit des Geschlechtsfetischismus zutage, dessen Formprinzip auf der Erscheinungsebene nicht unmittelbar dingfest zu machen ist, sondern eine Modifikation durch die empirische Vermittlung hindurch erfährt: Erscheint der Wert tatsächlich als das Allgemeine (auf der materiellen Ebene die „abstrakte Arbeit“ und die Staatsform), demgegenüber die Abspaltung (auf der materiellen Ebene die abgespaltenen Reproduktionstätigkeiten) als lediglich sekundäres, partikulares Substrat zum Vorschein kommt, gilt es gerade deswegen den Prozess der „Wert-Abspaltung“ zu rekonstruieren, um die konstitutive Verdrängung der Abspaltung als dynamische Vorbedingung jener scheinbar geschlechtsneutralen Allgemeinheit des Kapitals zu dechiffrieren, die in Wahrheit eine androzentrische ist.

Sofern indessen die Trennung von Produktion und Reproduktion als ein Ableitungszusammenhang begriffen wird – wie dies in besagten Beiträgen durchweg der Fall ist –, kann die Aufwertung der abgespaltenen Tätigkeiten nur auf zweierlei Wegen begangen werden, die beide aufeinander verweisen und gleichfalls defizitär bleiben: Entweder die Reproduktionstätigkeiten werden selbst durch wertimmanente Kategorien ausgedrückt. Z.B. indem sie als eine „Steuer“ bestimmt werden, die Frauen zusätzlich zur Lohnarbeit zu leisten haben, was zu einer Wettbewerbsverzerrung zwischen den Geschlechtern führe oder indem sie als eine „Ersparnis“ figurieren, die innovationshemmend wirke, da sie Frauen von der Lohnarbeit und damit dem Konsum abhalten würden. Oder aber die Reproduktionstätigkeiten fungieren in Form eines kontingentes Nicht-Identischen als emanzipatorischer Gegenpol zum Wert, wie Christa Wichterlich dies bei der Podiumsdiskussion anklingen lässt. Hier wie dort wird die „Wert-Abspaltungs-Form“ als gleichursprünglich vermittelte und auf derselben Abstraktionshöhe gelegene verfehlt.

Dabei mag es vor allem an dem unverkennbaren Bestreben liegen, ein dem Alltagsverstand adäquate Publikation vorzulegen, dass die diversen Beiträge nicht nur von einem notorischen Optimismus nur so strotzen, sondern darüber hinaus auch einer gesamtgesellschaftlichen Tendenz sich anschmiegen, die der „Verwilderung des Patriarchats in der Postmoderne“ (Roswitha Scholz) durchaus entgegenkommt. So werten verschiedene Autorinnen die Frauenquote als immanenten Fortschritt der Emanzipation, ohne dass dieses durchaus konservative Instrumentarium in seinen realgeschichtlichen Zusammenhang eingeordnet wird, der in der Tat nahelegt, dass die androzentrisch oktroyierte Quotierung von Frauen in der Lohnarbeit nicht zufällig gerade in Zeiten fundamentaler Krise salonfähig wurde. Die dadurch induzierte Intensivierung „doppelter Vergesellschaftung“ (Becker-Schmidt) von Frauen ist der erste Schritt zur Delegation der Krise an sie, die als „eierlegende Wollmilchsäue“ sowohl die Erosion der Produktions- als auch der Reproduktionstätigkeiten zu schultern haben. Die schwarze Utopie einer Postwachstumsbewegung stellt sich somit als allzu realitätsgerecht heraus – als Antizipation der Krisenverwaltung seitens der abfallenden Mittelschicht.





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