alt.Darstlg
Aktuelles
zurück
Druckversion
Glossar
Deep Link

Thomas Meyer: Zwischen Ignoranz und Dummdreistigkeit – Wissenschaftsapologetik als herrschaftsaffirmative Praxis


Thomas Meyer

Zwischen Ignoranz und Dummdreistigkeit – Wissenschaftsapologetik als herrschaftsaffirmative Praxis

Vorbemerkung

1.

Stefan Lorenz Sorgners kürzlich vorgelegtes Buch: Transhumanismus – ‚Die gefährlichste Idee der Welt’!? widmet sich einerseits der Kritik seines eigenen Untertitels, anderseits den Themen, welche Ideen der Transhumanismus ausbrütet, welche Argumente die transhumanistische Szene für diese hat, und vor welchen „Herausforderungen“ die Menschheit steht. Sorgner ist laut Buchrücken selbst einer der „weltweit führenden Experten in Sachen Trans- und Posthumanismus“. Das Buch besteht aus überarbeiteten Artikeln, die größtenteils in der Zeitschrift Aufklärung und Kritik erschienen sind.

Was moniert Sorgner an dem kritisch gemeinten Ausspruch Francis Fukuyamas, dass der Transhumanismus die gefährlichste Idee der Welt sei? Angeblich sei die Kritik der Gegner des Transhumanismus’ nur eine Ansammlung von „Vorurteilen“ und „Plattitüden“. Diese Vorurteile bezeichnen den Transhumanismus u.a. als eine „quasi religiöse Bewegung“. Sicherlich mag sein Urteil auf einige Kritiken zutreffen, aber es verwundert schon sehr, wie begrenzt die Auswahl der Kritiker/innen ist, denen Sorgner seine Aufmerksamkeit widmet. Offensichtlich sind es nur im bürgerlichen Wissenschaftsbetrieb gut situierte, wie Jürgen Habermas (den Sorgner als „biokonservativ“ bezeichnet). Autoren wie die in Fußnote Eins erwähnten (und erst recht feministische Technikkritikerinnen wie Donna Haraway oder feministische Gruppen2), sucht man vergebens. Sich einen Pappkameraden als Gegner bauend, braucht Sorgner daher auch keine allzu große analytische Anstrengung, um mit diesem fertig zu werden. Nach wenigen Seiten und ein paar Zitaten ist diese „Kritik“ auch schon wieder vorbei.

Es könnte darüber noch spekuliert werden, warum diese Kritik so extrem dürftig ausfällt. Entweder ist ihm eine ausgeklügeltere Kritik gar nicht bekannt oder aber, selbst wenn sie ihm bekannt sein sollte, nimmt er sie aus Karrieregründen nicht zur Kenntnis. Der offizielle Wissenschaftsbetrieb kann schon sehr konformierend sein... Der Astrophysiker Martín López Corredoira beispielsweise geht soweit, ihn sogar mit der Prostitution zu vergleichen3. Das sollte immer mitgedacht werden, wenn man es mit geistigen Produkten des akademischen Wissenschaftsbetriebes zu tun hat!

2.

Was treibt nun die Transhumanisten (von wenigen Ausnahmen abgesehen, handelt es sich hierbei in der Tat um eine Männerdomäne), die Avantgarde für eine schöne neue Zukunft mit vielen „Herausforderungen“, an?

Nun, erst einmal ist es die wissenschaftliche Neugier (vgl. S. 15). Aber bei dieser bleibt es nicht. Es geht vor allem um eine „Förderung des guten Lebens“ (S. 29), ja es besteht sogar die (pharmakologische) Möglichkeit die Menschen glücklicher und moralischer (!) zu machen. Es soll zudem das menschliche Florieren und Überleben gefördert werden! Daraus ergibt sich die Bejahung der entsprechenden Technologien. Aber beim bloßen Glücksstreben bleibt es ebenfalls nicht: „Transhumanismus bejaht den Gebrauch von Techniken, um die Wahrscheinlichkeit der Entstehung des Posthumanen zu erhöhen“ (Hervorheb. im Org., S. 71). Dabei kann der Posthumane „eine neue Spezies darstellen, die sich jenseits der menschlichen Art befindet […] Eine weitere Option ist, dass der Posthumane keine biologische Entität mehr ist, sondern im digitalen Cyberspace existiert.“ (ebd.). Ziel ist also die Schaffung des „Übermenschen“, wobei sich Sorgner explizit auf Nietzsche beruft (allerdings wird in der transhumanistischen Szene gestritten, ob Nietzsche zurecht ein Ahnherr des Transhumanismus’ ist): „Im transhumanistischen Denken wird der Übermensch als der Posthumane bezeichnet.“ (S. 126).

Der wichtigste Grund dafür, dass der Mensch überwunden werden sollte, liegt darin, so Sorgner, dass die Transhumanisten glauben, durch die „Verbesserung der emotionalen, physiologischen und intellektuellen Fähigkeiten“ (S. 29) könne eine Erhöhung des Glücks erreicht werden.

Hier wird bereits deutlich, was bei Transhumanisten und anderen Technokraten immer wieder in aller Deutlichkeit vertreten wird, dass gesellschaftliche und menschliche Probleme gar nicht als solche wahrgenommen werden, sondern nur als technisch zu überwindende. Statt dass danach gefragt wird, warum es um das Glück in dieser beschissenen Welt so schlecht bestellt ist, warum Menschen hungern, warum so viele Menschen als bürgerliche Konkurrenzsubjekte sich wie lupenreine Arschlöcher verhalten und wie das geändert werden könnte, sei es durch sozialen Widerstand, oder etwa durch eine radikale Kritik der sozialen Verhältnisse und Beziehungsweisen, wird das ganze lediglich als ein technisches Problem wahrgenommen. Der Mensch selbst, als „biologische Entität“, wird zum Störfaktor erklärt und soll überwunden werden! Das alles klingt in der Tat nach einer Art Neuauflage des Sozialdarwinismus’ und der Eugenik…

Was es nach Sorgner natürlich nicht ist! Erstens war die Eugenik nur bei den Nazis eine schlechte Idee, und zweitens: bei einer „liberalen Eugenik“ sieht die Situation aber ganz anders aus, denn in einer liberalen Demokratie haben die Menschen die freie Wahl! Überhaupt wird das schlimme Wort „Eugenik“ nur von Biokonservativen verwendet, um falsche Assoziationen (!) zu wecken (S. 43f., 129f.). Lieber redet Sorgner von „Enhancement“ (warum überhaupt „enhanced“ werden soll, warum Studierende dopen usw., klärt Sorgner nicht; kein Wort zum kapitalistischen Leistungsterror!).

Dem ist aber zu entgegnen, dass der Sozialdarwinismus und die Eugenik im liberalen und sozialdemokratischen Kontext entstanden sind und keinesfalls eine Erfindung der Nazis waren4. Des Weiteren weiß Sorgner zwar, dass ein Staat totalitär sein kann; dass das auch auf den Markt zutreffen kann, weiß er aber nicht. Diese angeblich so „freien Entscheidungen“ in den famosen liberalen Demokratien sind gar nicht so frei, da die Bedingungen unter denen die Menschen stehen hochgradig unfrei sind5. Dass viele Menschen sich tatsächlich freiwillig den Zumutungen und Verhältnissen unterwerfen, zeigt nur die Verinnerlichung von Herrschaftsverhältnissen, nicht aber deren Abwesenheit. Der Kapitalismus mit seinen Zumutungen erscheint so manchen Menschen von heute als eine unhintergehbare Naturtatsache; der akademische Tunnelblickphilosoph ist in dieser Hinsicht nicht weiterblickend als der rassistische „besorgte Bürger“.

Witzigerweise bezieht sich Sorgner am Ende des Buches auf Bentham und dessen Idee des „Panopticons“ und auf Michel Foucault in Feststellung der Gefahr der digitalen Überwachung. Spätestens hier wäre eine Kritik der famosen liberalen Demokratien und deren spätpostmodernen Realdekonstruktionen angebracht gewesen. Aber Sorgner verbleibt in seiner Halsstarrigkeit: „Ein Entkommen aus dem Internet-Panopticon ist für Bürger technisch-fortgeschrittener Staaten keine realistische Option mehr.“ (S. 194) Es ist nun einmal der technische Fortschritt, da kann halt nichts gemacht werden! Wir wollen hier natürlich nicht kritisch werden, uns keine das Ganze in Frage stellenden Gedanken erlauben und obendrein auch noch für positive Veränderungen, für Emanzipation eintreten; nein – uns genügt die normative Kraft des Faktischen!

Auffällig ist, dass Sorgner nicht den geringsten Begriff von Gesellschaft, Freiheit und Geschichte hat. Das was eigentlich gesellschaftlich ist, ist für ihn nichts anderes als Evolution. Im Laufe der biologischen Evolution passen sich die Lebewesen an sich ändernde Umweltbedingungen an oder sterben aus. Auf ähnliche Weise soll auch der Mensch in Zukunft durch die Technologie (wie Kybernetik und Gentechnologie) die Möglichkeit erhalten sich an sich ändernde Umweltbedingungen anzupassen, damit er nicht aussterbe. Zwischen sich ändernden Umweltbedingungen in der Erdgeschichte und solchen, die durch den Menschen, vor allem durch den Kapitalismus, vorgenommen wurden, macht Sorgner keinerlei Unterschied.: „Transhumanisten gehen davon aus, dass der Mensch durch evolutionäre Prozesse entstanden ist und er auch aussterben könnte, wenn ihm die beständige Neuanpassung an die sich andauernd verändernden Umweltbedingungen nicht gelingt.“ (S. 10) Welche das sein sollen (Klimawandel? explodierende Atomkraftwerke?), erwähnt er nicht. Besonders deutlich wird diese Gleichsetzung, d.h. die Biologisierung des Sozialen, wenn er die Möglichkeit der evolutionären Nützlichkeit von tauben Menschen erwähnt: „Auch die Taubheit könnte unter bestimmten Voraussetzungen eine Eigenschaft sein, die für das Überleben der Menschheit notwendig sein könnte, z.B. wenn der zukünftige technische Fortschritt bzw. die um uns vorhandenen Umweltprozesse übernormale Lautstärken mit sich bringen sollten.“ (S. 160) Zu dumm für den Menschen und seine menschlich-allzumenschlichen Ansprüche, dass technischer Fortschritt und dessen Zumutungen immer grundsätzlich unausweichlich sind!

Die transhumanistische Szene ist aber nicht die einzige, die eine Biologisierung des Sozialen betreibt. Die Soziobiologen – das verrät der Name schon – beteiligen sich ebenfalls daran. Das verleiht Teilen der Soziobiologie, also denen, die sich explizit mit dem Menschen beschäftigen – ob beabsichtigt oder nicht – ebenfalls einen herrschaftsaffirmativen Charakter.

So schreibt Franz Wuketits in seinem in diese Wissenschaft einführenden Buch6, dass der Staat nichts anderes sei als der „erweiterte Phänotypus“ der Menschen (S. 179). Der Staat als Modus moderner Vergesellschaftung ist dem Kapitalverhältnis untrennbar zugehörig und weist eine verselbstständigte Funktionslogik auf, die der einzelne Mensch als eine gegen ihn äußere Macht erfahren und erleiden muss. Doch Wuketits schreibt weiter: „vielmehr gilt auch in diesem Zusammenhang, dass der wahre Egoist kooperiert – mit den Behörden kooperiert. Individuen, die durch renitentes Verhalten auffallen, sich an Demonstrationen beteiligen, Protestkundgebungen unterstützen, einen Beamten beleidigen und so weiter, haben mit Schwierigkeiten zu rechnen, während jene, die sich unterwürfig verhalten und jeder behördlichen Aufforderung unverzüglich nachkommen, verschont bleiben (und sich in Ruhe fortpflanzen können)“ (S. 187).

Weiterhin sei der „Sozialstaat […] ein sehr spät in der sozialen Evolution entwickeltes System, noch nicht gefestigt, zerbrechlich; das ist gerade derzeit wieder mit beängstigender Deutlichkeit sichtbar. Niemand kann heute Wohlfahrt und soziale Gerechtigkeit für alle garantieren. Gerade in Zeiten der sozialen und wirtschaftlichen Unsicherheit ist aber die Gefahr groß, dass unsere Moralvorstellungen dem vielfach apostrophierten ‚Gesetz des Dschungels’ weichen.“ (S. 181) Gegen Naturtatsachen wie die rotgrüne Agenda 2010 ist schlecht zu opponieren. Danke für diese Erkenntnis! Doch zurück zu Sorgners Apologetik und seiner Skizzierung der Diskurse des Transhumanismus.

3.

Ein weiterer Topos, dem Sorgner sich widmet, ist die Kritik des dualistischen Denkens, also des cartesischen Substanzdualismus, sowie eine Kritik der angeblichen Sonderstellung des Menschen in der Natur (S. 145 f). Sicherlich ist an den Ausführungen einiges grundsätzlich richtig, wie z. B. dass der Unterschied zwischen Mensch und Tier nur graduell ist (was meiner Meinung nach nicht ausschließt, dass es doch gravierende qualitative Unterschiede gibt, denn bekanntlich können quantitative Unterschiede in qualitative umschlagen). Auf der anderen Seite sind die Konsequenzen dieser Kritik nicht notwendigerweise der Post- oder Transhumanismus, sowie Kritiker/innen des Transhumanismus noch lange keine dualistischen Denker/innen sein müssen (für seinen selbst gebauten Pappkameraden mag es aber zutreffen).

Sicherlich ist das Tierhafte im Menschen zur Kenntnis zu nehmen und dass Tiere fühlende Wesen sind, die nicht wie Gegenstände behandelt werden sollten. Zugleich weist der Mensch aber doch Besonderheiten auf. Wenn diese nicht zur Kenntnis genommen werden von Leuten wie Sorgner, kann das auch auf eine Verarmung deren eigener Menschlichkeit und deren eigenen Erfahrungshorizontes hindeuten. Die Gleichsetzung von Mensch und Tier ist aber auch folgerichtig, wenn jemand den Unterschied zwischen Evolution und Geschichte nicht zur Kenntnis nehmen will, also die Biologisierung des Sozialen betreibt.

Sorgner schreibt, dass, wenn das dualistische Menschenbild falsch ist auch das „Instrumentalisierungsverbot“ revidiert werden müsste (S. 149). Nach Kant soll ein Mensch kein Mittel für einen anderen sein, sondern seinen Zweck nur in sich selbst finden, d.h. der Mensch darf nicht nur als ein Mittel gebraucht werden. So spielt das Instrumentalisierungsverbot eine Rolle beim Verbot der Präimplantationsdiagnostik (wobei ich es für problematisch halte, einen frisch entstandenen Embryo mit einem Menschen gleichzusetzen, es klingt nach der Argumentation christlich-fundamentalistischer Lebensschützer/innen7). Instrumentalisiert, also wie Sachen behandelt werden, dürfen bisher nur Tiere. Was es aber konkret bedeutet, wenn Menschen am Ende auch noch instrumentalisiert würden, in einem Ausmaß wie „Gras, Blumen oder Erdbeeren“ möglicherweise, verrät uns Sorgner an dieser Stelle leider nicht (an anderer Stelle schreibt er, dass es legitim wäre, wenn taube Eltern sich ein taubes Kind wünschen und Entsprechendes dazu veranlassen). Möglicherweise wie in dem eher dystopischen Film „Cloud Atlas“ dargestellt, in dem die „Genomik-Industrie“ Arbeiterinnen für eine Imbisskette züchtet und diese genetisch gezüchteten Frauen auf die gleiche Weise behandelt wie Tiere heute in der Massentierhaltung. Sicherlich hatte Sorgner ein derartiges Szenario nicht im Blick, aber das zeigt wie teilweise gedankenlos die Auseinandersetzung mit solchen folgereichen Forderungen verläuft.

Die Metapher, dass der Mensch (bzw. die Natur) insgesamt im Prinzip eine Maschine ist, diente in der Geschichte des Kapitalismus dazu, den Menschen zu einem Anhängsel der Maschinerie zu machen; ihn zu beherrschen, zu kontrollieren, ihn berechenbar und steuerbar zu machen; ihm alle Freiheit und Spontaneität auszutreiben; sei es in der Industrie oder beim Militär (wobei mit Freiheit und Spontaneität im bürgerlichen Kontext in der Regel „Freiheit“ zur Selbstunterwerfung gemeint ist). Der Zusammenhang zwischen Arbeitsdisziplinierung und dieser Metapher (oder diesem politischen Programm) ist historisch vielfach belegt worden8.

Auch wenn einige Aspekte der Wirklichkeit sich in der Tat auf diese Weise verstehen und beschreiben lassen (aber darin auch nicht aufgehen) ist grundsätzlich Skepsis und Kritik angebracht, wenn ein derartiges vulgärmaterialistisches Weltbild propagiert wird – die Zwecksetzung dieses Weltbildes, Mensch und Natur für die Anforderungen des kapitalistischen Verwertungsprozesses zuzurichten, sind meines Erachtens doch zu offensichtlich. Der Transhumanismus aber geht noch darüber hinaus und erklärt den physischen Menschen als solchen zum Störfaktor.

4.

Welches Menschenbild Sorgners ist, bezeugt auch dessen Blick auf Erziehung. Nicht nur soll durch „Enhancement“ (pharmakologisch oder durch Hirnstimulanz etwa) die Moralität des Menschen erhöht werden können, auch genetische Modifikationen sollen angeblich dazu dienen, den Menschen zu erziehen und zwar weil „die traditionelle Erziehung und das genetische Enhancement durch Modifikation als strukturanaloge Prozesse angesehen werden sollten“ (S. 154). Angeblich deswegen, weil genetische Modifikationen reversibel sein können und Erziehung auch irreversibel sein kann. Ich frage mich, was Sorgner unter Erziehung eigentlich versteht. Auch wenn es nicht explizit geschrieben steht: wohl im Sinne von Menschensteuerung und -kontrolle; jedenfalls nicht im Sinne unterstützter Welt- und Selbsterfahrung mit dem Ziel der Entfaltung eigener und gemeinsamer Menschlichkeit. Mir geht es nicht darum eine kritische Pädagogik zu formulieren oder die Kritische Pädagogik eines Heydorn wert-abspaltungskritisch weiterzuentwickeln – mir geht es darum darauf hinzuweisen, auf welch vulgäre Weise Sorgner Begriffe verwendet, welch extrem technokratischen Blick er auf Mensch und Welt hat und wie wenig er in der Lage ist, sich mit geistes- und sozialwissenschaftlichen Gedankengängen auseinandersetzen. Das von ihm Geschriebene beinhaltet nichts, was über eher schlecht geschriebene Blogs hinausgehen würde.

Natürlich ist Sorgner nicht der einzige in der transhumanistischen Szene, der sich darum Gedanken macht. Es gibt auch einige, die sich schon Gedanken um die destruktiven Möglichkeiten von Technologie machen, natürlich nicht mit dem Resultat einer Infragestellung. So schreibt Sorgner: „Das Problem, das mit einer Erhöhung der Leistungen von Biotechnologien einhergeht, ist das der globalen Zerstörung, z.B. indem Wissenschaftler ein Virus erschaffen, das sich leicht verbreitet, aber erst nach einer längeren Zeit wirksam wird, dann jedoch zu einem schnellen Tod führt. Zum Thema der Gefahr der globalen Katastrophe und die Notwendigkeit des moralischen Enhancements haben sich speziell die Ethiker Ingmar Persson und Julian Savulescu auf exponierte Weise geäußert. Um Menschen vor der globalen Auslöschung der menschlichen Art zu bewahren, könnte es notwendig sein, sich mit dem Thema des moralischen Enhancements auseinanderzusetzen.“ (S. 49). – Wenn ein Feuer ausbricht, so soll man es also mit Benzin löschen.

Das ist aber auch kein Einzelfall. So schreibt ein gewisser Rüdiger Koch in einem vergleichbaren apologetischen Sammelband9: „Es steht die Einführung einer Reihe von Technologien an, die mächtig genug sind, alle heutigen Probleme zu lösen, die Technik lösen kann – Hunger, Krankheiten, Altern, Energieversorgung usw. Leider haben all diese Technologien auch ein enormes destruktives Potential. Mit Biotechnologie und Nanotechnologie können Waffen mit nie dagewesener Zerstörungskraft geschaffen werden. Im Unterschied zu Atomwaffen können kleine Gruppen solche Waffen herstellen und einsetzen […] Starke künstliche Intelligenz kann uns helfen, die Gefahren von Nanotechnologie unter Kontrolle zu halten und dennoch gleichzeitig die Vorteile zu nutzen. Beispielsweise können sie ein globales Immunsystem entwickeln, das in der Lage ist, auftretende Pathogene zu identifizieren und zu eliminieren […] Niemand kann sagen, ob höhere Intelligenz mit höheren moralischen Normen korreliert […] Alles was wir wissen ist, dass KI Formen annehmen kann, die uns unglaublich fremd sein können. Möglicherweise sind sie uns gegenüber sogar feindlich gesinnt. Die KI kann also leicht selbst zu einer existentiellen Bedrohung werden [...] Transzendente Uploads hingegen können Probleme mit Bio- und Nanotechnologien genauso unter Kontrolle behalten wie superintelligente KI.“ (S. 165 f.)10. Die Überschrift des Kapitels lautet übrigens „Warum Uploading so bald wie möglich eingeführt werden muss“.

Eine Dummdreistigkeit dieser Größenordnung verschlägt einem wirklich die Sprache! Wäre sicherlich interessant zu erfahren, ob besagte künstliche Intelligenz als „Pathogene“ auch jene identifizieren würde, die die Entwicklung einer solchen KI eben nicht für eine gute Idee halten.

5.

Als letzter Punkt wäre noch anzuführen, dass nach Sorgner der Transhumanismus durchaus politische Ambitionen vertritt. So ist ihm zufolge dem „starken Transhumanismus“ gemäß „Enhancement“ moralisch verpflichtend zu machen, wenn auch nicht gesetzlich (vgl. S. 107)! Die Einsicht aber, dass ein dualistisches Weltbild überholt sei, sollte nach dem „starken Transhumanismus“ tatsächlich in gesetzliche Form gegossen werden (vgl. S. 108). Auch auf Bildungspläne soll Einfluss genommen werden, was aber nicht heißt, „dass dualistisches Denken aus dem Unterricht verbannt werden soll.“ (S. 179)

Dass sich technische Entwicklung und Politik/Ökonomie nicht trennen lassen, ist unsereinem ohnehin klar; beim Transhumanismus kommt aber noch hinzu, dass diese Verbindung sogar explizit gemacht wird durch die zunehmende Gründung von transhumanistischen Parteien, auf die Sorgner hinweist. Mittel- bis langfristig wird meines Erachtens der Neofaschismus durch den Transhumanismus eine ihn ergänzende Fraktion bekommen und das umso mehr, je mehr Mensch und Natur sich als Störfaktoren für den kriselnden Verwertungsprozess erweisen und die irre gewordene Wissenschaft nicht in der Lage sein wird, sich von sich selbst zu emanzipieren und dabei verbleibt, die Weltprobleme mit derselben Denke zu lösen, die zu ihnen massiv beigetragen hat. Dass in transhumanistischen Kreisen die Ablösung des Menschen als Spezies durch Cyborgs, durch künstliche Intelligenz und Roboter fabuliert wird, allerdings nicht als dystopische Warnung, sondern als ernsthaft anzustrebendes Ziel (vgl. Literatur in Fußnote 1), verweist auf die Reduktion der überflüssigen Menschheit auf ihr „nacktes Leben“ (Agamben) und auf ihre zukünftige Steigerung, d. h. auf die anstehende Entsorgung der Menschheit selbst! Selbst wenn es sich in dieser angestrebten Tragweite um Hirngespinste handeln sollte, die so nie umsetzbar wären, ändert das nichts daran, dass dennoch dazu Versuche unternommen werden, die schon für sich äußerst mörderische Konsequenzen haben könnten. Insofern ist der angeblichen Plattitüde von Habermas, dass es sich beim Transhumanismus um die „Weltanschauung einer Sekte“ (S. 9) handelt zuzustimmen; mehr noch: es ist durchaus angebracht sie zu verschärfen: der Transhumanismus ist als irre fundamentalistische Wissenschaftssekte und politische Bewegung (von Intellektuellen) anzusehen, die genauso wenig harmlos ist wie der Sozialdarwinismus früherer Zeiten.


Anmerkungen




zurück
Druckversion
Glossar
Deep Link