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Andreas Urban


Andreas Urban

Ein Schnellkurs zur Apologie der modernen Medizin

Eindrücke eines Besuchs im Wiener „Narrenturm“

Ich hatte kürzlich das Vergnügen, zum ersten Mal in Wien den sogenannten „Narrenturm“ zu besuchen. Dabei handelt es sich um ein turmähnliches Gebäude des früheren Allgemeinen Krankenhauses (von Wiener/innen schlicht „altes AKH“ genannt), in dem die größte Sammlung pathologisch-anatomischer Präparate der Welt untergebracht ist. Diese umfasst aktuell etwa 45.000 Objekte – sowohl Feuchtpräparate (in Formaldehyd eingelegte und konservierte Organe) als auch Trockenpräparate (hauptsächlich Knochen und Skelette), aber auch sogenannte Moulagen (form- und farbgetreue Abbildungen erkrankter Körperstellen aus Wachs oder Paraffin, die speziell in der medizinischen Ausbildung als Anschauungsmaterial dienten, bevor die Möglichkeit der Fotografie zur Verfügung stand). Diese anatomische Sammlung ist ausgesprochen sehenswert, besonders sollte man sich eine Führung durch das Museum nicht entgehen lassen, denn dabei wird man – worüber im Folgenden berichtet werden soll – in konzentriertester Form mit dem nahezu ungebrochenen Fortbestand der ältesten und krudesten Ideologeme konfrontiert, die der modernen Medizin und der Naturwissenschaft insgesamt seit ihrer „Geburt“ in der Frühphase der kapitalistischen Moderne als gesellschaftliche Legitimationsgrundlage dienen und das Selbstverständnis von Generationen von Mediziner/innen1 nachhaltig geprägt haben. Ein wahrer Schnellkurs in der Apologie der modernen Medizin ist das, was einem im „Narrenturm“ geboten wird.

I.

Der (vermutlich austauschbare2) Guide meines Rundgangs durch das pathologisch-anatomische Museum war ein junger Medizinstudent im sechsten Semester, der auf eine im Grunde zutiefst erschütternde Art und Weise demonstrierte, dass die Verbreitung von Mythen über die Geschichte und die „Fortschritte“ der modernen Medizin – praktisch völlig unbeeindruckt von Befunden historischer Forschungen der letzten Jahrzehnte über die Geschichte und die Grundlagen moderner Naturwissenschaft, wie etwa solche eines Michel Foucault oder diversen anderen, vor allem feministischen Wissenschaftlerinnen – bis heute zur Grundausbildung medizinischen Personals gehört. Los ging es bereits zu Beginn bei einem einführenden Abriss über die Geschichte des „Narrenturms“, der bereits erahnen ließ, in welcher Tonart es den Rest der Führung weitergehen würde.3 Der „Narrenturm“, so begann der junge Medizinstudent seinen Vortrag, wurde 1784 unter Joseph II. – Sohn der berühmten Erzherzogin Maria Theresia und seines Zeichens Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation von 1765 bis 1790 sowie einer der populärsten Reformer in der österreichischen Geschichte – fertiggestellt und sollte zunächst bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts die europaweit erste Anstalt beherbergen, die ausschließlich zur Behandlung Geisteskranker errichtet wurde (danach diente er hauptsächlich als Wohngebäude für medizinisches Personal, bevor schließlich in den 1970er Jahren das Museum eingerichtet wurde). Der „Narrenturm“ (daher wohl auch seine Bezeichnung) stellte also eine der ersten, wenn nicht sogar die erste Psychiatrie der Welt dar – eine Entwicklung, die laut dem Guide insofern einen bedeutenden historischen Wendepunkt markierte, als nun geisteskranke Menschen nicht mehr, wie früher, als von Dämonen oder vom Teufel Besessene wahrgenommen, sondern erstmals als „krank“ und der Behandlung bedürftig anerkannt worden seien; eine Errungenschaft quasi der sich herausbildenden modernen Wissenschaft, die die lange vorherrschende Ausgrenzung und Stigmatisierung Geisteskranker beseitigt habe.

Nun ist es mittlerweile bereits mehr als 50 Jahre her, dass solche grob einseitigen Fortschrittsmythen über die Entstehung der Psychiatrie von Sozialwissenschaftlern wie dem bekannten französischen Philosophen und Soziologen Michel Foucault recht eindrucksvoll und materialreich ihrer historischen Unwahrheit überführt wurden. Dies ändert aber offenkundig nichts daran, dass sich diese Mythen weiterhin zu reproduzieren vermögen, ganz so, als hätte es Arbeiten wie die von Foucault nie gegeben – insbesondere und gerade in jenen wissenschaftlichen Disziplinen, auf die sich dessen kritische Analysen primär bezogen, und die sich gegen alternative oder auch nur etwas reflektiertere Sichtweisen auf ihr Tätigkeitsfeld bis heute als geradezu überresistent erweisen. Bei Foucault könnte man etwa erfahren, dass der historische Gründungsakt der Psychiatrie mitnichten darin besteht, die Geisteskrankheit als behandlungsbedürftiges Leiden entdeckt zu haben, also in der Einsicht, dass „Geisteskranke“ leidende Menschen sind, die einer medizinischen Behandlung bedürfen, sondern es war vielmehr die „Erfindung“ der „Geisteskrankheit“ überhaupt, die zugleich die historische Leistung und den Startschuss der modernen Psychiatrie darstellte. Vereinfacht gesprochen: Bevor es die Psychiatrie gab, gab es auch noch keine „Geisteskrankheit“. Was es gab, war z.B. die vom Guide erwähnte Besessenheit, aber diese zeichnete sich gerade dadurch aus, dass sie (noch) nicht als „Geisteskrankheit“ betrachtet wurde. Der „Nullpunkt der Geschichte des Wahnsinns“ (Foucault 2005a: 7) liegt demnach nicht in seiner Entdeckung durch die Psychiatrie, sondern in der Scheidung der „Wahnsinnigen“ von den „Normalen“. Und diese ist laut Foucault das Produkt einer erst in der Frühmoderne entstehenden gesellschaftlichen „Erfahrungsstruktur des Wahnsinns“ (Foucault 2013/1961: 13), die den Wahnsinn als Krankheit konstituiert und überhaupt erst „die Geisteskrankheit in den Bedeutungen, die wir ihr heute geben, möglich [macht]“ (ebd.: 528). Die Herausbildung dieses neuen Diskurses der „Geisteskrankheit“, aus dem die moderne Psychiatrie überhaupt erst hervorging, fällt im Übrigen historisch wohl nicht ganz zufällig zusammen mit der von Foucault an anderer Stelle untersuchten „Geburt der Klinik“ (Foucault 1973/1963) als dem Paradigma der modernen Medizin schlechthin, das nämlich, ähnlich wie im Fall der „Geisteskrankheit“, auf einem völlig neuen, in etwa zur selben Zeit Ende des 18. Jahrhunderts sich entwickelnden Verständnis von „Krankheit“ beruht: Hatte Krankheit bis dahin gleichsam den Status einer ontologischen Größe, die unabhängig vom betroffenen Menschen existiert und gerade in Abstraktion von diesem zu erkennen sei, geraten ab diesem Zeitpunkt der menschliche Organismus und seine krankhafte Abweichung von der Norm in den Blick. Es weicht mithin die klassische „Medizin der Krankheiten“ (ebd.: 204) der modernen „Medizin der leidenden Organe“ (ebd.: 203) – die Krankheit war jetzt „der krank gewordene Körper selber“ (ebd.: 150). Als wesentlich für diese neue medizinische Wissens- und Blickordnung identifiziert Foucault übrigens gerade die sich ebenfalls zu dieser Zeit etablierende Anatomie, womit nun gewissermaßen auch die historische Grundlage einer jeden pathologisch-anatomischen Sammlung wie der im „Narrenturm“ greifbar wird: Statt wie bisher nämlich bloß von außen zu beobachten und so Krankheiten festzustellen, zu ordnen und zu klassifizieren, drang der medizinische Blick nun im wahrsten Sinne des Wortes in den Körper ein. Die Anatomie machte es erstmals möglich, in den Körper hineinzusehen und sich ein Bild vom Inneren des Menschen zu machen und Krankheiten in abnormen Veränderungen von Organen zu lokalisieren. Das Studium des toten menschlichen Körpers wurde so zur Grundlage modernen medizinischen Wissens, das dadurch paradoxerweise im exakten Gegenteil dessen gründet, worauf es eigentlich, vor allem dem Anspruch von Mediziner/innen nach, primär gerichtet ist – nämlich nicht im Leben bzw. dessen Aufrechterhaltung und Sicherung, sondern ausgerechnet in seinem absoluten Widerpart: dem Tod. „Jahrhundertelang hatte die Medizin nach den genauen Beziehungen zwischen der Krankheit und dem Leben gesucht. Nur die Intervention eines Dritten konnte ihrer Begegnung, ihrer Koexistenz, ihren Interferenzen eine Form verleihen, die sowohl der begrifflichen Möglichkeit wie der Fülle des Wahrgenommenen entsprach; dieses Dritte ist der Tod“ (ebd.: 172). Die „Erkenntnis des Lebens“, so Foucault (ebd.: 159f.), findet „ihren Ursprung in der Zerstörung des Lebens, in seinem äußersten Gegensatz.“ Erst dadurch wurde also der menschliche Körper dem ärztlichen Blick wirklich zugänglich und für ihn analysierbar. Die Grundlage der Psychiatrie ist somit im Prinzip dieselbe wie jene der modernen Medizin insgesamt: Bestand der „neue Geist der Medizin“ in der „epistemologische[n] Reorganisation der Krankheit“ (ebd.), die nunmehr das krankhafte Abweichen eines Körpers von einer definierten Norm beschrieb, so war es bei der Psychiatrie die Reorganisation des „Wahnsinns“, der nun als „Geisteskrankheit“ im Patienten selbst verortet wurde und eine medizinische Intervention erforderte.4

II.

Abgesehen von diesem historisch schlicht unzutreffenden und grob verzerrten Bild von den historischen Ursprüngen und Grundlagen der Psychiatrie (und der Medizin überhaupt), das der junge studentische Guide durch die anatomische Sammlung in seinem Vortrag zeichnet, ist nun auch und erst recht die unreflektierte und einseitige Gleichsetzung der Entstehung der Psychiatrie mit einem gesellschaftlichen Fortschritt hin zu einem humaneren Umgang mit „Geisteskranken“ im Grunde nur durch eine grob fahrlässige Verbiegung der historischen Tatsachen zu bewerkstelligen. Unvoreingenommen betrachtet, ist historisch sogar streng genommen das genaue Gegenteil zutreffend: Gerade die „Geburt“ der Psychiatrie bedeutete zunächst einmal eine in dieser Form bis dahin eigentlich unbekannte Repression gegenüber als „geisteskrank“ identifizierten Menschen. Nicht dass der gesellschaftliche Umgang mit Besessenen oder anderen „Irren“ in vormodernen Zeiten freundlich gewesen wäre, aber noch bis in die Renaissance hinein beschränkte man sich, wie Foucault nachweist (2013/1961: 72), überwiegend darauf, solche Menschen einfach aus den Städten zu vertreiben. In der aufkommenden Moderne und mit der Entstehung von Irrenhäusern und Psychiatrien wurde hingegen dazu übergegangen, „Wahnsinnige“ und „Geisteskranke“ zu internieren. Die Internierung fand dabei zunächst noch nicht isoliert von anderen „Unproduktiven“ und „Überflüssigen“ statt, die der frühe Kapitalismus in seiner Durchsetzungsphase in großer Zahl produzierte – Arbeitslose, Arme, Vagabunden, Strafgefangene, Alte usw. – und die alle gemeinsam in Arbeitshäusern, Besserungsanstalten und dergleichen einem physischen und moralischen Disziplinierungsregime unterworfen wurden. Der Zweck der Internierung von „Geisteskranken“ war daher vorerst durchaus noch keine medizinische, sondern eine moralisch-erziehende Behandlung. „Die Internierung“, so schreibt Foucault dazu, „ist zur Besserung bestimmt, und wenn man ihr ein Ziel setzt, so ist das nicht die Heilung, sondern eher die artige Reue“ (ebd.: 105). Dies änderte sich erst im Laufe des 18. Jahrhunderts (also zur Zeit der Errichtung des „Narrenturms“), als Wahnsinnige von anderen Internierten isoliert wurden und so „die Krankheit von der Armut und all jenen elenden Gestalten getrennt“ wurde (ebd.: 434).5 Hier erst liegt die historische Schwelle vom „Wahnsinn“ zur „Geisteskrankheit“ – und erst vor diesem Hintergrund wird schließlich der Internierungsraum zu einem Ort der „Therapie“. Diese Therapie bestand wiederum, wie Foucault vor allem in seinen Vorlesungen über „Die Macht der Psychiatrie“ (Foucault 2005b) darlegt, in erster Linie in einem dichten Geflecht von Kontroll-, Normierungs- und Disziplinierungspraktiken, die die Heilung der Insassen bewirken sollten. Dies ging bis hin zur brutalen Unterwerfung durch mittelalterlichen Folterinstrumenten ähnelnde Gerätschaften, der Verabreichung von Drogen und diversen Formen der Strafbehandlung. Die Logik, die Foucault in seiner Analyse herausarbeitet und die die psychiatrische Praxis insbesondere (aber längst nicht nur6) in ihren Anfängen maßgeblich bestimmte, entspricht mithin gewissermaßen einem Regime der Vernunft bzw. des Nicht-Wahnsinns über den Wahnsinn. Um geheilt zu werden, muss der/die Wahnsinnige solange diszipliniert werden, bis der Wahnsinn aus seinem/ihrem Körper gebannt ist und er/sie bereit ist, die vom Arzt vertretene Realität anzuerkennen. Medizinisches oder pathologisches Wissen, so stellt Foucault auch fest, kam bei dieser Behandlung von „Geisteskranken“ praktisch gar nicht zum Einsatz, lediglich zur Feststellung der Geisteskrankheit und zur Scheidung der „Wahnsinnigen“ von den „Nicht-Wahnsinnigen“. „[D]ie psychiatrische Aktivität“, so bringt es Foucault auf den Punkt (ebd.: 387), „[erfordert] keine Differenzialdiagnostik, außer als Rechtfertigung zweiten Grades, die gewissermaßen überflüssig ist.“7

III.

Die (auch von einem immanent medizinischen Standpunkt aus gesehen) Absurdität und im Grunde Grausamkeit vieler der damals eingesetzten psychiatrischen Behandlungsverfahren kommen während der Führung durch den „Narrenturm“ durchaus zur Sprache, dienen dabei aber letztlich erst recht nur als Abstoßungspunkt für eine medizinische Fortschrittsgeschichte, die seither stattgefunden habe. Hier kommt gewissermaßen eine Strategie im Umgang mit historischen Fakten zur Anwendung, die Howard Zinn (2007: 15) mit Blick auf die akademische Geschichtsschreibung völlig zu Recht als die im Prinzip unredlichste von allen erachtet (noch schlimmer als eine offen affirmative Position): Stattgefundene gesellschaftliche Gräuel werden nicht einfach unter den Tisch gekehrt, sondern durchaus eingeräumt und zur Sprache gebracht. Am großen, insgesamt als positiv zu bewertenden Ganzen soll das allerdings nichts ändern. Vielmehr soll es sich dabei um bedauerliche Irrtümer oder sogar notwendige Durchgangsstadien des zivilisatorischen Fortschritts handeln. So erfährt man etwa vom Guide, dass die damals in der Psychiatrie vorherrschende und die Behandlung maßgeblich bestimmende Theorie die sogenannte Vier-Säfte-Lehre gewesen ist.8 Dabei wurde angenommen, dass der Mensch hauptsächlich aus vier Säften bestehe, die bei einem gesunden Menschen in einem ausgeglichenen Verhältnis stünden: Blut, Schleim, gelbe Galle und schwarze Galle. Bei traurigen und depressiven Menschen sei beispielsweise ein Übergewicht an schwarzer Galle angenommen worden, gegen das Brechtherapien verordnet wurden (die Patient/innen sollten die schwarze Galle also quasi auskotzen). Bei aggressiven Menschen sei hingegen vermutet worden, dass diese zu viel Blut hätten. Dem wurde durch einen Aderlass entgegengewirkt. Derartige Behandlungsstrategien hätten damals tatsächlich eine gewisse empirische Evidenz für sich beanspruchen können. So sei z.B. bei zur Ader gelassenen Patient/innen unmittelbar eine Verbesserung des Zustands und des Verhaltens eingetreten, was aber freilich auf die durch den Blutverlust bewirkte Müdigkeit und Abgeschlagenheit zurückzuführen sei, die allerdings von den Ärzten mit einer Wirksamkeit ihrer Behandlung und somit einer Heilung der Erkrankung verwechselt worden sei. Folglich seien die Patient/innen oftmals nach „erfolgreicher“ Behandlung und Entlassung aus der Anstalt bald wieder auf der Matte gestanden, nachdem sich ihr Bluthaushalt nach einer gewissen Zeit eingependelt hatte und ihr Temperament wieder das alte war. Mehrmalige Behandlungen hätten die Patient/innen in der Regel nicht überlebt, einerseits aufgrund der damals noch sehr hohen Infektionsgefahr, aber auch aufgrund von handfesten praktischen Schwierigkeiten, die Blutung rechtzeitig zu stillen, andererseits und vor allem aber aufgrund einer ebenfalls damals herrschenden „Theorie“, wonach der menschliche Körper rund 24 Liter (also in etwa das Vierfache der tatsächlichen Menge) Blut beinhalte. Dementsprechend großzügig seien Patient/innen zur Ader gelassen worden, bis zu fünf oder sechs Litern bei einer solchen Prozedur, mit dem Effekt, dass viele von ihnen de facto verblutet seien (sofern sie nicht ohnehin an anderen Komplikationen der Behandlung wie den oben genannten verstorben seien). In der Tat also ein wahrer Fortschritt in der „humanen“ medizinischen Behandlung von „Geisteskranken“ – quasi die fahrlässige Tötung von Patient/innen als bevorzugte Behandlungsstrategie.9 Gerade diese unmenschliche und fahrlässige „Behandlung“ von Patient/innen wird aber nun vom jungen Vertreter der medizinischen Zunft unvermittelt und ohne mit der Wimper zu zucken zur notwendigen Grundlage der heutigen, „fortschrittlicheren“ medizinischen Standards umgebogen. Damals sei die Medizin einfach noch nicht so weit gewesen und habe noch viel zu wenig über den menschlichen Körper gewusst. Und gerade in diesen früheren Tagen der Medizin, deren Praktiken uns heute als mittelalterlich und oft auch barbarisch oder unethisch erscheinen mögen, sei enorm viel Wissen erarbeitet worden, ohne das der Fortschritt der Medizin, den wir heute genießen, vielleicht nicht möglich gewesen oder erst sehr viel später möglich geworden wäre. Für die Patient/innen damals sei es freilich schlimm gewesen, aber zu dieser Zeit habe es einfach noch keine besseren medizinischen Möglichkeiten gegeben. Es ist dies die übliche Borniertheit und Ignoranz des bürgerlich-kapitalistischen Subjekts, das in seinen Lobeshymnen auf den gesellschaftlichen Fortschritt die zahllosen Opfer an Menschenleben, die dieser „Fortschritt“ gekostet hat und bis heute kostet, geflissentlich ausblendet oder als notwendigen und vergleichsweise geringen Preis dafür zu betrachten geneigt ist. Man möchte den jungen Mediziner fast fragen, wie er eigentlich zu den Taten eines Dr. Mengele oder anderen Nazi-Ärzten steht, die heute in Wissenschaft und Gesellschaft als das schlechthin Böse oder als durch eine menschenverachtende Ideologie verblendete Wissenschaftler betrachtet werden, obwohl sie im Prinzip nichts wesentlich Anderes getan haben als all die Pioniere der modernen Medizin vor ihnen, die hingegen von denselben Leuten für gewöhnlich als große Männer der Wissenschaft gefeiert werden: nämlich an einem ihnen ausgelieferten Menschenmaterial im Interesse eines höheren wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Ziels herumzuexperimentieren, ohne Rücksicht auf Menschenleben oder andere dabei verursachte Schäden, die billigend in Kauf genommen wurden. Foucaults Befund über die innere Logik der modernen Medizin kann ganz beim Wort genommen werden und gilt für die Gründerväter der Medizin nicht weniger als für die aus dem Pantheon der modernen Medizin verbannten Nazi-Ärzte: Der Ursprung der medizinischen „Erkenntnis des Lebens“ liegt in dessen Zerstörung, was im Klartext heißt: Der Tod von Menschen ist immer schon notwendiger Bestandteil und Grundlage des medizinischen Fortschritts – gegebenenfalls durch die Hand der Mediziner selbst. Und dies wird wohl auch weiterhin so bleiben – und sei es nur als ultima ratio –, solange dieser „Fortschritt“ genauso selbstzweckhaft ist wie der „gesellschaftliche Fortschritt“ einer an die Selbstzweckbewegung des Kapitals geketteten Gesellschaft.

IV.

Die Apologie der modernen Medizin – in der Form einer Rechtfertigung fahrlässiger oder offen menschenverachtender Praktiken in der Frühphase der Medizin als Grundlage des medizinischen „Fortschritts“ – zieht sich praktisch wie ein roter Faden durch die gesamte Führung durch das pathologisch-anatomische Museum im „Narrenturm“. So macht der Rundgang z.B. Halt vor einer Vitrine mit alten medizinischen Instrumenten. Der Guide stellt Instrumente vor, die früher für Staroperationen verwendet wurden. Beim Grauen Star handelt es sich um eine Trübung der Augenlinse, die praktisch jeden Menschen im Laufe seines Lebens betrifft, sofern er oder sie lange genug am Leben ist. Denn das menschliche Auge, so erläutert der junge Guide, sei nun einmal nicht für so ein langes Leben gemacht, wie es heute möglich sei. Bis vor nicht allzu langer Zeit, Ende des 19. Jahrhunderts, habe die durchschnittliche Lebenserwartung noch bei rund 40 Jahren gelegen. So sei daher bei der enorm gestiegenen Lebenserwartung jeder Mensch, wenn er alt genug wird, von dieser Trübung der Linse betroffen, die unbehandelt praktisch zur Erblindung führen könne. Dementsprechend gehöre eine Staroperation heute zu den mit Abstand am häufigsten durchgeführten Operationen. Die Grundlage für die Operation sei bereits früh gelegt worden im sogenannten „Starstich“.10 Dabei sei mit einer Nadel in den Augapfel gestochen und die getrübte Linse in den Glaskörper gestoßen worden, wodurch der/die Patient/in wieder besser sehen konnte. Ein wesentliches Problem dieser Behandlungsmethode habe allerdings darin bestanden, dass sie häufig mit Komplikationen verbunden war, vor allem mit Infektionen, die für rund 95 Prozent der Patient/innen mit dem Tod geendet hätten. Das habe aber freilich, wie der Guide ebenfalls zu berichten weiß, Generationen von Medizinern nicht daran gehindert, aus Geldgier und Geschäftemacherei und im Wissen um das hohe Risiko der Operation durch die Lande zu fahren und auch weiterhin in großer Zahl Starstiche in der arglosen Bevölkerung vorzunehmen. Die sogenannten „Starstecher“ seien denn auch stets rasch weitergezogen, um nicht mehr greifbar zu sein, wenn nach einer vorübergehenden Verbesserung der Sicht der größte Teil ihrer Patient/innen von Infektionen dahingerafft wurden.11

Was hier ein schiefes Licht auf die Praxis von Medizinern von der Frühmoderne bis heute werfen könnte (denn auch heute ist ja die Medizin vor allem eines: ein Geschäft), dient nun im Vortrag des jungen Medizinstudenten einmal mehr zur Rechtfertigung solcher Praktiken im Interesse des medizinischen Fortschritts. Denn das Prinzip der heutigen Staroperation, die mittlerweile so gut wie ungefährlich sei, sei im Grunde noch genau dasselbe wie damals, nämlich die Entfernung der getrübten Linse. Was heute vielfach angewandt werde und überhaupt kein medizinisches Problem mehr darstelle, sei also damals quasi vorbereitet worden, und hätte es den Starstich nicht gegeben – bei allen Problemen, die damit verbunden waren (und allen Menschenleben, die er gekostet hat) – hätte sich vielleicht die heute so erfolgreiche Operationsmethode nicht oder erst viel später entwickeln können. Überhaupt, so wird uns mitgeteilt, sei medizinischer Fortschritt abhängig von der Betrachtungsweise: Uns mag der Starstich heute unglaublich antiquiert und angesichts des oft tödlichen Ausgangs vielleicht sogar brutal und unethisch erscheinen, aber möglicherweise werden spätere Generationen dasselbe über die heute angewandten medizinischen Verfahren sagen. Hier paart sich also gewissermaßen die historische Ignoranz mit einem postmodernen Relativismus, in dem noch die eigentlich fast schon vorsätzliche Tötung von Menschen durch skrupellose Mediziner wie den damaligen „Starstechern“ eine Frage der Anschauung sein soll.12

V.

Eine derartige Verklärung der modernen Medizin und ihrer Fortschritte lässt sich, wenig überraschend, nicht einmal durch die potentielle kritische Einsicht erschüttern, dass die Medizin es, eigentlich seit es sie gibt, in nicht unerheblichem Ausmaß besonders mit der Behandlung von Krankheiten zu tun hat, die unmittelbar durch die kapitalistische Gesellschaftsform und die darin auf die Menschen einwirkenden Zumutungen selbst bedingt sind. Beispielsweise sind im „Narrenturm“ die Skelette rachitischer Menschen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zu besichtigen. Rachitis bezeichnet eine Erkrankung, die durch chronischen Vitamin-D-Mangel, insbesondere bedingt durch einen Mangel an Sonnenlicht, verursacht wird. Vitamin D ist wichtig für die körpereigene Produktion von Calcium und Phosphat, die wiederum für das Wachstum und die Stabilität der Knochen verantwortlich sind. Die Folge von Rachitis sind daher Deformationen des Knochen- und Stützapparats. Wie wir erfahren, wurde Rachitis früher auch als „englische Krankheit“ bezeichnet, da diese als erstes gehäuft in England aufgetreten sei zu Beginn der Industrialisierung. Zu dieser Zeit seien im großen Stil Kohle- und andere Bergwerke erschlossen worden, in denen Menschen den größten Teil ihrer Zeit permanent unter Tage arbeiten mussten. Besonders gefragt seien dabei aufgrund ihrer geringen Körpergröße Kinder gewesen, die jedoch besonders empfindlich auf den chronischen Sonnenmangel reagiert hätten, da sie sich noch im Wachstum befanden und daher bald schwere Deformationen entwickelt hätten. Viele Eltern, so fährt der studentische Guide fort, hätten dann ihre deformierten Kinder aus Scham im Keller versteckt, was die Krankheit noch verschlimmerte, da die Kinder auch weiterhin der Ursache ihres Leidens, eben einem Mangel an Sonnenlicht, ausgesetzt waren (während sich die Deformationen bei einer Aussetzung von Sonnenlicht zumindest partiell, je nach Schwere der Rachitis, wieder hätten zurückbilden können). Dem gesellschaftskritischen Individuum mag sich freilich angesichts solcher historischer Fakten die Frage aufdrängen, wie es eigentlich um einen medizinischen „Fortschritt“ bestellt ist, der überwiegend in der zweifellos immer besseren Behandlung, heute zunehmend auch (innerhalb enger Grenzen) Prävention von Krankheiten und Leiden besteht, die es vielleicht in dieser Form oder diesem Ausmaß gar nicht gäbe, wenn die der modernen Medizin zugrundeliegende gesellschaftliche Struktur eine andere wäre. Man müsste dabei gar nicht erst an so spezielle Erkrankungen wie Rachitis denken (ich erwähne sie hier nur deshalb so prominent, weil der Guide im „Narrenturm“ sie in seinem Vortrag gebracht hat)13, sondern es hätte bereits auf einer viel allgemeineren Ebene auch die Problematik bevölkerungsweiter Epidemien in den Fokus zu rücken, die der Kapitalismus speziell während der Industrialisierung durch fortschreitende Verstädterung bei gleichzeitiger Verelendung weiter Teile der Bevölkerung erzeugte, und deren Bekämpfung bis heute zu den größten Leistungen gehört, die die Medizin für sich beansprucht. Gerade auch Foucault weist in seiner Geschichte der modernen Medizin treffend darauf hin, dass die Medizin vor dem Hintergrund der Bekämpfung und Erforschung von Epidemien infolge der verheerenden sozialen Zustände im 18. und 19. Jahrhundert sich bald zu einer Art Gesundheitspolizei entwickelte, die die Menschen, quasi in einer Individualisierung des Problems, in einem bis heute stetig zunehmenden und mittlerweile an Belästigung grenzenden Maße mit Ratschlägen zur „gesunden Lebensführung“ zwangsbeglückt und sich nachgerade als „Lehrmeisterin für die physischen und moralischen Beziehungen zwischen dem Individuum und seiner Gesellschaft“ (Foucault 1973/1963: 52) aufspielt. Unter den Prämissen einer für die Mehrheit der Weltbevölkerung schon von vornherein massiv gesundheitsschädlichen Gesellschafts- und Lebensform, die darüber hinaus, je nach ökonomischer Großwetterlage, immer wieder (wie ja auch gegenwärtig wieder) dazu neigt, ganze Weltregionen der Verelendung preiszugeben, Millionen von Menschen in den Slums von zunehmend aus allen Nähten platzenden Städten abzuladen (vgl. Davis 2007), und so bereits aus sich selbst heraus das Risiko von Epidemien und Seuchen gebiert, muss die Medizin, im Interesse der „Volksgesundheit“, zur „nationalen Aufgabe“ (Foucault 1973/1963: 37) und zu einem zentralen Instrument staatlicher Fürsorgepolitik werden. Nicht zuletzt daraus wird wohl auch erklärlich, weshalb der Glaube an die Fortschritte der modernen Medizin bis heute so unerschütterlich ist, denn die Medizin unterliegt im Grunde derselben Fetischisierung wie die kapitalistische Gesellschaftsform selbst. Wenn die Rolle und Funktion der Medizin angesichts der destruktiven Potenziale des Kapitalismus sowohl auf individueller als auch auf der Ebene der „Volksgesundheit“ eine so wichtige und systemimmanent unerlässliche ist, weil diese destruktiven Potenziale nicht grundsätzlich kritisch, sondern bestenfalls oberflächlich hinterfragt werden können14 und überwiegend als schicksalhaft oder als von außen hereinbrechende Katastrophen naturalisiert werden – wie soll dann diese gesellschaftliche Rolle der Medizin kritisch in Frage gestellt werden können? Wer das wagt, muss geradezu als verrückt erscheinen.

VI.

Die Führung durch den „Narrenturm“ hat bis hierhin bereits einige der zentralsten und sich offenkundig bis in die Gegenwart beharrlich haltenden Mythen und Rechtsfertigungsideologien der modernen Medizin zutage gefördert: vor allem den unerschütterlichen Glauben an den gesellschaftlichen Fortschritt, den die Entwicklung der modernen Medizin grundsätzlich bedeute, sowie die im tiefsten Grunde bloß zynische Unterstellung, dass selbst die menschenverachtendsten und grausamsten Praktiken in der Entstehungsphase der modernen Medizin – bei aller gebotenen Kritik daran – die notwendige Grundlage der heute vorhandenen medizinischen Methoden und Standards darstellen. Der nahezu ungebrochene Fortbestand dieser Mythen kann freilich nicht wirklich überraschen: Solange „gesellschaftlicher Fortschritt“ so selbstzweckhaft konzipiert ist wie die Kapitalverwertungsdynamik, die diesem zugrunde liegt, und solange es mehr oder weniger selbstverständlich ist, dass dieser Fortschritt immer auch Opfer erfordert (insbesondere an Menschenleben, die man aber freilich zur Beruhigung des eigenen Gewissens möglichst totschweigt oder sonst wie externalisiert), solange muss auch die Apologie einer modernen Medizin fortdauern, deren Erkenntnisgrundlage in letzter Instanz immer in der Zerstörung von Menschenleben besteht.

Was in der Reihe im „Narrenturm“ dargebotener medizinischer Mythen und Ideologien allenfalls noch fehlt, ist die Abgrenzung der medizinischen Disziplin von den Hexenverfolgungen. Aber auch damit kann aufgewartet werden: Der Rundgang durch den „Narrenturm“ hält vor einer Vitrine, die u.a. ein ballonartiges Gebilde enthält. Die Besucher/innen dürfen zunächst raten, worum es sich dabei handelt. Es stellt sich heraus, dass das Gebilde eine riesige Ovarialzyste (eine mit Flüssigkeit gefüllte Blase im Eierstock) darstellt. Der Guide erklärt, dass die meisten Frauen zumindest einmal im Laufe ihres Lebens eine Ovarialzyste bekämen, wobei diese allerdings in der Regel höchstens wenige Zentimeter groß und sich wieder von selbst zurückbilden würden. In Ausnahmefällen könne allerdings eine Zyste, so wie das ausgestellte Exemplar, auch größere Dimensionen annehmen, sofern sie nicht vorher operativ entfernt werde (im konkreten Fall angeblich 30 Kilogramm schwer). Bevor die Medizin so entwickelt gewesen sei wie heute, konnte eine derart große Zyste noch ohne weiteres mit einer Schwangerschaft verwechselt werden. Dieser Befund sei aber freilich maximal neun Monate lang haltbar gewesen. Danach konnte es passieren, dass betroffene Frauen – und jetzt kommt’s – aufgrund des damals noch vorherrschenden Mangels an besseren wissenschaftlichen Erklärungen als Hexen stigmatisiert wurden, die – eben weil sie Hexen waren – auch länger als neun Monate schwanger sein konnten. Auch hier ist es das schon gewohnte Muster: Wie schon die Repression gegen „Geisteskranke“ und die fahrlässige Tötung von Patient/innen werden auch die Hexenverfolgungen einfach kurzerhand in eine lange vergangene, dunkle, barbarische Vorzeit verlagert, obwohl sie in Wahrheit, wie längst von feministischen Wissenschaftlerinnen und Theoretikerinnen wie Silvia Bovenschen (1977), Roswitha Scholz (1992) oder Silvia Federici (2012/2004) nachgewiesen wurde, untrennbar zur Geschichte der modernen Naturwissenschaften und der Medizin selbst gehören. Bekanntlich können laut Roswitha Scholz die Hexenverfolgungen gleichsam als ein wesentliches „Gründungsverbrechen des warenproduzierenden Patriarchats“ (Bareuther 2014: 36) aufgefasst werden, durch das Frauen im aufkommenden Kapitalismus domestiziert und in eine bornierte Existenz auf der anderen, dunklen, marginalisierten Seite der Wertform verbannt wurden. Dabei wurden sie, gerade in Gestalt der Hexe und in krassem Gegensatz etwa zum Mittelalter, als Naturwesen abgewertet, unterdrückt und verfolgt, denn die Frau hatte, so Scholz, „ein ‚sympathetisches’ Verhältnis zur Natur, und sie stand gewissermaßen für die Natur. Damit sich also die neuzeitliche männliche Rationalität im Anschluß an das antike Erbe und darüber hinaus durchsetzen konnte, mußten die Frau und das, was sie repräsentierte (das Sinnliche, Diffuse, Unberechenbare, Kontingente etc.) buchstäblich aus dem Weg geräumt werden“ (Scholz 1992). Bei den Hexenverfolgungen ging es daher auch keineswegs nur darum, dass das empirische medizinische Wissen, das Frauen lange Zeit traditionell als Heilerinnen, Hebammen etc. hatten, „gewaltsam durch Männer enteignet werden sollte, sondern damit war ein grundsätzlich anderes Konzept von Naturbeziehung verbunden“ (ebd.). Diese neue, spezifisch moderne, u.a. durch die Hexenverfolgungen auf den Weg gebrachte Naturbeziehung spiegelte sich vor allem in den aufkommenden Naturwissenschaften in einer bis heute gültigen androzentrischen Logik der Naturunterwerfung und -beherrschung wider, die bis in das gesellschaftliche Bild wie auch in die Persönlichkeitsstruktur des modernen „Wissenschaftlers“ hineinreicht (der Wissenschaftler muss etwa im naturwissenschaftlichen Experiment quasi alle seine „weiblich“ konnotierten individuellen Merkmale und Besonderheiten von sich abspalten und sich zum kühlen, rationalen und unvoreingenommenen Forscher disziplinieren, sich also quasi zum „Mann“ machen; vgl. dazu auch Ortlieb 1998).15 Die Hexenverfolgungen lassen sich also nicht in das „finstere Mittelalter“ auslagern, das durch die neuzeitliche Wissenschaft endlich überwunden wurde, sondern diese markieren vielmehr und ganz im Gegenteil die historische Grundlage, auf der die moderne Wissenschaft überhaupt erst Gestalt annehmen und ihren gesellschaftlichen Siegeszug antreten konnte. Mit dem Ausradieren der Hexenverfolgung aus der eigenen Historie ist die Apologie der modernen Medizin quasi komplett.

VII.

So war also der Besuch im Wiener „Narrenturm“ vor allem in ideologiekritischer Hinsicht äußerst aufschlussreich. Die ältesten und krudesten Mythen der modernen Medizin in derart geballter Form und so brühwarm in einer eigentlich sogar recht kurzen Führung von höchstens 45 Minuten aufgetischt zu bekommen, ist auch für den so allerhand gewöhnten Gesellschaftskritiker ziemlich beeindruckend. Die hier vorgelegte Kritik an der Apologie der modernen Medizin ist im Übrigen – das sollte an dieser Stelle vielleicht abschließend zur Sicherheit ausdrücklich betont werden – nicht als eine bloße Schulmedizin-Kritik misszuverstehen, die stattdessen für alternative Medizinformen plädiert, die den Menschen womöglich „ganzheitlicher“ in den Blick nehmen und somit als bessere Alternative gegenüber der heutigen Apparatemedizin mit ihrer fragwürdigen Historie zu betrachten seien. Nicht zuletzt die zahllosen in den letzten Jahrzehnten aus dem Boden schießenden alternativen und oftmals ins Esoterische reichenden Behandlungsmethoden gehören ein und demselben historischen Kontinuum an wie die in diesem Text kritisierte moderne (Schul-)Medizin – dementsprechend viel Unfug und Geschäftemacherei wird damit auch betrieben. Die Alternativmedizin bildet also im besten Fall die andere Seite derselben Medaille und ist explizit in die Kritik mit eingeschlossen.16

Genauso wenig folgt aus der Kritik am medizinischen „Fortschritt“, dass sämtliche Behandlungsmethoden, die die moderne Medizin erfunden hat, mitsamt dem Kapitalismus, in dem sich diese entwickelt hat, in Bausch und Bogen zu verwerfen sind. Vieles davon ist wohl ohne Zweifel als ein wesentlicher und unleugbarer Fortschritt gegenüber vormodernen Gesellschaften zu betrachten – was etwa die Diagnose und Heilung von Krankheiten betrifft, die Möglichkeiten der modernen Chirurgie, der Prothetik17 und dgl. –, wenn auch nicht im Sinne einer bürgerlichen Fortschrittsontologie. Eine Medizin, die Krankheiten tatsächlich zu heilen vermag, ist allemal besser zu bewerten, als eine, deren Behandlung nicht nur nicht wirkt, sondern Patient/innen auch mit hoher Wahrscheinlichkeit umbringt.18 Auf gewisse Errungenschaften der modernen Medizin werden wir also auch in einer postkapitalistischen Gesellschaft genauso wenig verzichten wollen, wie auf manche andere Technologien, die der Kapitalismus ausgebrütet hat und die bislang in die destruktive Selbstzweckbewegung des Kapitals eingespannt sind (ob das nun der Verbrennungsmotor ist oder das Internet). Die Alternative dazu ist, in Hinkunft wieder an einem entzündeten Blinddarm zu versterben und eine Lebenserwartung von höchstens 30 oder 40 Jahren zu haben (eine Aussicht, die uns im Übrigen allen droht, wenn die emanzipatorische Aufhebung des heute durch und durch kriselnden Kapitalismus nicht in absehbarer Zeit erfolgen sollte). Wie die Medizin der postkapitalistischen Zukunft genau aussehen wird, lässt sich freilich heute noch nicht vorhersagen. Der Wandel könnte aber durchaus umfassender sein, als wir uns gegenwärtig vorstellen können. Denn ohne Zweifel müsste mit dem Kapitalismus auch die der modernen Medizin konstitutiv zugrunde liegende Konzeption von „Krankheit“ – gewissermaßen die „Denkform“ der modernen Medizin – und mit dieser ihr Körperverständnis überwunden werden, die vermutlich für viele der in diesem Text kritisierten negativen Implikationen der modernen medizinischen Entwicklung verantwortlich sind. So ist etwa die bornierte Abstraktion von den gesellschaftlichen Ursachen vieler Krankheiten und Leiden, die die moderne Medizin zu behandeln hat, wohl nicht möglich ohne ein Krankheitsverständnis, das „den krank gewordenen Körper selber“ (Foucault) als die Krankheit auffasst. Denn dies geht im Grunde erst, wenn „Krankheit“ die Abweichung eines Körpers von der Norm bedeutet. Erst mit einer solchen Konzeption von „Krankheit“, die eine historische Errungenschaft der kapitalistischen Moderne darstellt und sich völlig von anderen, früheren Krankheitsdefinitionen unterscheidet, wird die Tür zur Individualisierung gesellschaftlich verursachter Krankheiten aufgeschlagen. Vermutlich – dies hätte aber erst noch Gegenstand einer eigenständigen, ausführlicheren Analyse zu sein – ist darin auch unmittelbar der heute geradezu ins Extrem gesteigerte Machbarkeitswahn der Biomedizin angelegt, denn erst wenn der Körper das eigentliche Problem ist, entsteht auch die Denkmöglichkeit, das „Problem“ bevorzugt am Körper zu lösen und den (individuellen) Körper zum Objekt der medizinischen Gestaltung und Optimierung zu machen19, oder ihn – wie neuerdings die Fanatiker des Transhumanismus – überhaupt gleich völlig preiszugeben und die körperliche Existenz quasi abstreifen zu wollen (vgl. Meyer 2016). Selbst den Tod machen sich manche Biomediziner/innen mittlerweile anheischig, medizinisch aus der Welt zu schaffen (z.B. Shostak 2002). So gesehen ist also auch nicht ausgeschlossen, dass manche medizinischen Behandlungsverfahren und -technologien die Abschaffung des Kapitalismus nicht überdauern werden – so z.B. die Gentechnologie, die m.E. diesen biomedizinischen Machbarkeitsfetisch wie keine andere verkörpert. Aber das wird, wie gesagt, die Zukunft weisen müssen und lässt sich nicht vorweg bestimmen.

Und eines ist natürlich auch nicht zu verachten: Aus einer Führung durch die anatomische Sammlung geht man immerhin auch in dem Wissen, dass der „Narrenturm“ – angesichts des medizinischen „Wissens“, das dort verbreitet wird – auch heute noch seinen Namen durchaus zu Recht trägt.

Literatur

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