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Leo Roepert / Moritz Kuhles


Leo Roepert / Moritz Kuhles

Streifzüge: Moving Backward

Am 20. Januar 2011 fand im Wiener Votivkino die Aufführung eines Films mit dem Titel „Zeitgeist: Moving Forward“ mit anschließender Podiumsdiskussion statt; ein Termin, der auch von den „Streifzügen“ auf ihrer Homepage angekündigt wurde. In den darauffolgenden Wochen erschienen dort einige Beiträge2, die sich wohlwollend bis euphorisch zum Film und zu der zugehörigen Internet-Bewegung „TheZeitgeistMovement“ äußerten.

Bei dem Film „Zeitgeist: Moving Forward“ handelt es sich um den bereits dritten Teil einer Filmreihe des amerikanischen Regisseurs Peter Joseph, die mit dokumentarischem und gesellschaftskritischem Anspruch auftritt. Der erste, noch sehr amateurhaft produzierte Zeitgeist-Film wurde im Jahr 2007 veröffentlicht und avancierte durch die rasche Verbreitung im Internet und durch Mundpropaganda bald zu einem Geheimtipp in den einschlägigen Szenen. Im ersten Drittel des Films wird eine Art historische Religionskritik des Christentums ausgebreitet, deren Fazit ganz im Sinne der klassischen Priesterbetrugstheorien lautet: Religiöse Mythen sind bewusst von Machteliten in die Welt gesetzte Herrschaftsinstrumente. In Analogie dazu wird im zweiten Drittel die offizielle Darstellung der Attentate des 11.September 2001 als fälschlich geglaubter Mythos „enttarnt“; der Film reproduziert hier die gängigen Verschwörungstheorien, die der US-Regierung eine (Mit-)Täterschaft an den Anschlägen unterstellen. Im dritten Drittel werden weitere Verschwörungsgeschichten aneinandergereiht, die hauptsächlich von den dunklen  Machenschaften der „internationalen Bankiers“ handeln. Unter Zuhilfenahme des üblichen „cui bono“ werden diese unter anderem für beide Weltkriege verantwortlich gemacht. In der 2008 folgenden Fortsetzung mit dem Titel „Zeitgeist: Addendum“ nehmen die verschwörungsideologischen Behauptungen nicht mehr so viel Platz ein, stattdessen wird die „Kritik“ des amerikanischen Bankwesens und des „Geldsystems“ ausgeweitet. Außerdem enthält der zweite Zeitgeist-Film einen utopischen Teil, der auf den Ideen des amerikanischen Futuristen Jacque Fresco basiert und eine „ressourcenbasierte Ökonomie“ als Alternative zum Kapitalismus vorschlägt. Am Ende des Films werden die ZuschauerInnen dazu aufgefordert, sich im Internet der Zeitgeist-Bewegung anzuschließen und die im Film entworfenen Ideen umzusetzen. Das daraus entstandene „Zeitgeist-Movement“ hat nach eigenen Angaben inzwischen Ableger in 33 Ländern mit mehr als 500.000 AnhängerInnen und ist hauptsächlich im Internet aktiv. Anfang 2011 veröffentlichte Peter Joseph  den dritten Teil der Reihe, der im Vergleich zu seinen Vorgängern eine deutlich professionellere Machart aufweist.

Nun stellt sich die Frage, warum ein Magazin, das sich als wertkritisch versteht, die öffentliche Vorführung dieses Films bewirbt und ihn samt dem dazugehörigen Movement mit insgesamt drei Texten auf seiner Homepage würdigt. Franz Nahrada erblickt in „Zeitgeist: Moving Forward“ ein „erfrischendes und monumentales Statement gegen den Zeitgeist der letzten Jahrzehnte.“ Auch für Andreas Exner ist der Film „Kritik radikal“ und verfügt über eine einfache Botschaft, die auch ein breites Publikum anspricht: „[K]ein Geld, kein Tausch, kein Kapital, kein Staat. Um es mit einem Wort zu sagen: Kommunismus.“ Der „Zeitgeist-Kommunismus“ sei zudem nicht irgendein Kommunismus, sondern „Kommunismus im besten Sinne, und dies erstaunlicherweise ohne Marx auch nur zu nennen“. Exner unterstellt also, die von den Zeitgeist-Filmen präsentierte Kritik beruhe insgeheim auf der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie. Diese Referenz werde, so Exners Vermutung, nur aus taktischen Gründen oder aus Engstirnigkeit nicht erwähnt, die „Botschaft“ sei aber im Grunde dieselbe wie bei Marx.

Ist „Zeitgeist“ also das verfilmte Update des „Kapitals“ für die Generation Facebook? Durchaus nicht, denn von der von Exner unterstellten Nähe zu Marx ist in allen drei Filmen nicht der Hauch einer Spur. Im Gegenteil: Das bestimmende Thema, das die Filme durchzieht, ist eine äußerst krude Kritik des „monetären Systems“, die in etwa so geht: Geld wird aus Schulden erschaffen3, nämlich zuallererst durch die Verschuldung eines Staates bei einer Zentralbank, welche das Geld mitsamt seines Werts scheinbar aus dem Nichts hervorzaubert. Das ist das erste Skandalon. Dann müssen alle aufgenommenen Kredite mit Zinsen zurückgezahlt werden, wofür aber das Geld fehlt. Das ist das zweite Skandalon. Daraus folgt dann erstens Inflation, weil die Geldmenge ständig erhöht werden muss, um die Zinsen zu bedienen, und zweitens der Bankrott von Einzelpersonen, Unternehmen oder Staaten, die ihre Zinsen nicht mehr zurückzahlen können. Fazit: Die Menschen müssen arbeiten und die Unternehmen müssen produzieren, um die Zinsen zurückzuzahlen! Das gesamte „Wachstum“ erscheint als Folge der ursprünglichen Verschuldung bei den Banken. Diese Fokussierung auf die Finanzsphäre und den Zins als die eigentlichen Ursachen der kapitalistischen Übel erinnert nicht zufällig an die Geld- und Zinskritik in der Tradition von Proudhon, Gesell und Co, deren Ziel die „Befreiung“ der Waren und der scheinbar konkreten Arbeit vom Geld bzw. vom Zins war. Zwar propagieren die Zeitgeist-Filme in ihren utopischen Passagen weder einen „Negativzins“ noch ein „Schwundgeld“, sondern tatsächlich die Abschaffung des Geldes, in ihrer Kritik erscheint das zinstragende Kapital aber dennoch als Ursache des „Wachstumszwangs“ und somit der Produktion. Die Kritik des „monetären Systems“ wird im dritten Teil der Zeitgeist-Reihe noch ergänzt durch eine Kritik des „Marktsystems“, bei der verschiedene Phänomene der Warenproduktion, wie z.B. eingebauter Verschleiß der Produkte oder die Verschwendung ökologischer Ressourcen thematisiert werden. Sie bleibt jedoch additiv und phänomenologisch verkürzt. Der innere Zusammenhang dessen, was bei „Zeitgeist“ als „Marktsystem“ und „monetäres System“ firmiert, also von Warenproduktion und Zirkulation, bleibt völlig unklar, was von Nahrada sogar zugegeben wird, ihn aber nicht weiter zu stören scheint (solange beide „Hälften“ des Systems, wie es bei „Zeitgeist“ heißt, irgendwie kritisiert werden, ist es ja im Prinzip egal in welchem Verhältnis sie zueinander stehen). Exner hingegen, beseelt von dem Wunsch, „Zeitgeist“ in die Nähe der Marxschen Kategorien oder einer wie auch immer verstandenen „Wertkritik“ zu rücken, verschweigt nicht nur, dass aufgrund des unbegriffenen Zusammenhangs von Ware und Geld die Warenproduktion als Resultat des „Geldsystems“ erscheint, sondern behauptet sogar umgekehrt, dass bei „Zeitgeist“ das „Geldsystem“ als das erscheint, „was es ist: nicht als der Schuldige der Misere unserer Zeit, sondern schlicht die Verlängerung der tödlichen Absurdität des Tausches.“ Wie bereits dargelegt, ist das genaue Gegenteil der Fall. Der Film grenzt sich deshalb auch nicht, wie Exner behauptet, „unmissverständlich von jeder Art der Verschwörungstheorie und dem damit fast unvermeidlich einhergehenden Antisemitismus ab“, sondern reproduziert am laufenden Band strukturell-antisemitische Bilder, etwa wenn man ein Zielfernrohr über dem afrikanischen Kontinent schweben sieht und der Kommentar dazu erklärt, dass Weltbank und IWF als Interessenvertreter der transnationalen Konzerne Kredite mit sehr hohen Zinssätzen an arme Länder verleihen, um bei Zahlungsunfähigkeit die Konzerne dort „einfallen“ zu lassen. In den ersten beiden Zeitgeist-Filmen, in denen die verschwörungsideologischen Elemente noch mehr im Mittelpunkt stehen, sind auch die antisemitischen Konnotationen noch deutlicher: Unverhohlen ist von den „korrupten, gierigen Männern der Zentralbank“4 oder von „konspirativen internationalen Bankiers“ die Rede, die auf geheimen Treffen Gesetzesentwürfe schreiben, Politiker manipulieren und Wirtschaftskrisen auslösen5. All das wird von Exner und Nahrada mit keinem Wort erwähnt6.

Nun könnte man einwenden, dass, wie auch Tomasz Konicz in seinem Beitrag auf der Streifzüge-Homepage schreibt7, im neuesten Zeitgeist-Film die explizit verschwörungsideologischen Elemente nicht mehr vorkommen und der Kapitalismus nicht mehr als Veranstaltung von einigen „Männern hinter dem Vorhang“, sondern durchaus als System begriffen wird. In Begeisterungsstürme auszubrechen, weil eine Internetfilm-Reihe von einer personalisierend-verschwörungsideologischen und antisemitisch konnotierten Darstellung zu einer falsch-systemkritischen Darstellung fortgeschritten ist, erscheint aus der Perspektive radikaler Gesellschaftskritik mit theoretischem Anspruch allerdings mehr als fragwürdig8.

Zudem steht der neueste Film der Reihe nicht für sich allein, sondern muss im Kontext des „Zeitgeist-Movements“ gesehen werden, welches der eigentliche Grund für die ganze Euphorie bei den Streifzügen zu sein scheint. Exner ist „verblüfft“: „Inmitten der Endkrise des kapitalistischen Weltsystems, während die Eliten beginnen nach neuen Wegen der Herrschaft zu suchen, ohne eine Bewegung, die den Kapitalismus überschreiten will, beginnen Leute plötzlich zu diskutieren wie ‚diese Scheiße’ (Jacques Fresco) denn zu beenden sei […]“. Und Nahrada fügt glücklich hinzu: „[...] [I]m Unterschied zu vorangegangen  [sic!] Bildungsbewegungen, die es sich sich [sic!] in der Selbstbezüglichkeit ihrer besseren Einsichten sektenhaft gemütlich gemacht haben, sucht die Zeitgeist - Bewegung den Dialog.“ Zugleich „scheint ein hoher Bewusstseinsstand zu herrschen, der diese Bewegung dazu bringt, sich vom traditionellen Marxismus abzugrenzen“. Da ihr das gelingt „ohne Marx auch nur zu nennen“, stellt sich die Frage, woran sich der „hohe Bewusstseinsstand“ des „Movements“ denn festmachen lässt. Der/die Interessierte wird fündig beispielsweise auf weltvereinigung.de, einer „Supportseite der weltweiten Zeitgeist-Bewegung“9. Dort heißt es zu dieser: „Sie bildet eine Gegenbewegung der Globalisierung, welche derzeit die gesamte Welt auf der Basis politischer Macht, medialer Einflussnahme, finanzieller Kontrolle und Abhängigkeit eigennützig beherrscht, unterdrückt und ausbeutet.“ Wessen Interesse angesichts dieser Abgrenzung, um nicht zu sagen Überwindung des traditionellen Marxismus geweckt wurde und wer sich wirklich einen Eindruck vom Bewusstsein bzw. Geisteszustand des Milieus machen möchte, in welchem die Zeitgeist-Bewegung wächst und gedeiht, der/die sollte einen Blick auf die Verlinkungen werfen. Denn die Bewegung sucht „den Dialog“ offenbar nicht nur mit Nahrada und den Streifzügen, sondern auch mit den rechtsradikalen „Aufklärern“ von infokrieg.tv10, dem „Deutschen Amt“ (aus dem Umfeld der „Kommissarischen Reichsregierungen“11), der „Anti-Zensur-Koalition“12 und vielen anderen. Dabei scheint friedliches Nebeneinander - seit langem ein Anliegen auch der Streifzüge - Programm zu sein. Dieses nette Beisammensein von „9-11-Truthern“, Holocaustleugnern und „Zinskritikern“ war wohl letztlich auch Anlass für das „soziale Netzwerk“ studiVz, alle so genannten Zeitgeist-Gruppen zu schließen13. Als Begründung nennen die Moderatoren den „latenten Antisemitismus“, der in diesen Gruppen immer wieder unwidersprochen zutage tritt. Für „die Wissenden“ von den Streifzügen hingegen, die längst nicht mehr der „irrigen Annahme“ erliegen, „nur mehr […] die Unwissenden [...] belehren“ zu müssen, ist es nur folgerichtig, Derartiges nicht mehr anzusprechen, geschweige denn zu kritisieren.

Ob dieses zunehmende Abdriften14 der „Billig-Wertkritik“ (Robert Kurz) nach rechts nun primär dem Lechzen nach Auflage und Anerkennung (man bedenke den Schandlschen Kategorischen Imperativ: „In jeder Hinsicht(!) wollen wir uns verbreitern und verbreiten“15) oder aber dem Ausblenden wesentlicher Elemente des warenproduzierenden Patriarchats und der damit einhergehenden Ignoranz gegenüber Ideologiekritik geschuldet ist, lässt sich an dieser Stelle nicht klären16. Mit radikaler Kritik - so viel sollte klar geworden sein - hat das Ganze jedenfalls nichts zu tun.

Anmerkungen:




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